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Mein Schreiben, mein Atmen.
(Manfred Hinrich)

Vom Tagebuch des Alltags bis zum zeitlosen meditativen Text in Prosa oder Poesie. Teile mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken, und versuche, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

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Mit Gewinn leben



Ich muss immer wieder an die Bemerkung meiner Mutter über einen Mitbewohner im Altersheim denken.

Als wir beim Kaffee zusammen sassen, streckte eine Besucherin den Kopf zur Tür herein, um sich gleich wieder zu verabschieden.

"Das ist die Schwester vom Herrn X."
"Aha, ich nehme an, der Herr X wohnt auch im Altersheim."
"Er ist ein bisschen schwierig."
"Wie denn? Ist er mürrisch oder sagt er einfach nichts?"
Ich kann mich flüchtig an einen Mann mit schlohweissem Haar erinnern, von dem ich im Korridor zuvor nur den Hinterkopf gesehen habe.
"Er muss eine furchtbare Kindheit gehabt haben. Wurde immer wieder geschlagen, der Bub. Wenn man ihn jetzt anspricht, und er ist nicht darauf vorbereitet, dann zuckt er zusammen oder schreit auf."

Der Mann ist alt. Vielleicht leicht dement. In jedem Fall hier und heute genau so schutzlos und hilflos wie er es als Bub war, wie jedes andere Kind auch, das anderen zum Schutz befohlen aufwächst... Auch wenn der Mann "nur" ein weiteres Beispiel dafür sein mag, dass im Alter die jungen Erinnerungen zurück kehren oder sich einfach noch verstärken oder als letztes halten, so macht mich dieser sein Lebensbogen in seinem Ergebnis sehr betroffen: Dazwischen liegt ein langes Leben, ganz offensichtlich voller Leid - und gefangen in den gleichen, unaufgelösten Verstrickungen. Nehme ich jetzt mal an, stellvertretend für so viele andere Leben, die sich nicht so einfach leben und erleben lassen.

Ich erzähle dieses namenlose Drama, diese stille Katastrophe meiner Frau.
Sie sagt: Es ist alles das Resultat unseres westlichen Denkens.

Du kannst sagen: "Ich bin als Kind missbraucht worden."
Ich muss und will Dich fragen: "Und was hat es Dir gebracht?"

 

Eine Bemerkung sei noch angefügt:
Sie hat nicht gesagt:
Und was hast Du daraus gemacht?
Dies wäre die in der westlichen Kultur noch denkbare Variante...



Thinkabout
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23.11.06 20:02
 
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Tina (24.11.06 05:38)
Ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst.

Du schreibst:
"Ich erzähle dieses namenlose Drama, diese stille Katastrophe meiner Frau.
Sie sagt: Es ist alles das Resultat unseres westlichen Denkens.
Du kannst sagen: "Ich bin als Kind missbraucht worden."
Ich muss und will Dich fragen: "Und was hat es Dir gebracht?"

Hä??? WAS ist das Resultat unseres westlichen Denkens?
Die furchtbare Kindheit? Die Einsamkeit in Altersheimen?
Was sollte "Kindesmißbrauch" bringen???

Ich lebe gerne hier in Deutschland und kann unserer Kultur viel abgewinnen. Ich bin froh, in einem Rechtsstaat zu leben, der die Belange der Schwachen und Minderheiten berücksichtigt.

Mag sein, daß in anderen weiten Ländern das alten Indianergesetz "Wo kein Kläger, da kein Richter" herrscht und Kindesmißbrauch deswegen seltener geahndet wird. Sollte ich das besser finden? Oder das "Auge um Auge - Zahn um Zahn"-Prinzip? Oder gar die Todesstrafe?

Kindesmißbrauch gibt es überall auf der Welt, nicht nur bei uns. Mit Sicherheit auch in östlichen Ländern. Auch wenn die Rechtsprechung hier nicht immer meinen Erwartungen entspricht, ist sie doch nachvollziehbar.

"Sie hat nicht gesagt:
Und was hast Du daraus gemacht?
Dies wäre die in der westlichen Kultur noch denkbare Variante"

Sie hätte fragen können:
"Hat eine der Therapien geholfen, damit ein Weiterleben möglich ist?" ...meiner Meinung nach.

Dieser Eintrag hier von Dir haut mich - so wie ich ihn verstanden habe - am frühen Morgen schon echt aus den Socken. Man muß nicht immer einer Meinung sein, aber gerade mal sehe ich die Bemühungen unseres Landes ein umgängliches, faires Miteinander auf die Beine zu stellen doch ziemlich in Frage gestellt, und ich kann das nicht verstehen.

Ich lebe gerne hier, auch wenn wir unsere großen Probleme im sozialen Bereich haben.
Und ich frage mich echt, was meinst Du, bringen die anderen Kulturen besser auf die Reihe?

Heute mal nicht weniger liebe Grüße, aber mit vielen Fragezeichen im Gesicht.....


Thinkabout's Wife (24.11.06 13:33)
Mit dem westlichen Denken ist der Umgang mit dem Leid gemeint:
Leid ist negativ. Punkt.

Leid hat aber – im Gegensatz zum Glück - das Potenzial zu unserer (geistigen) Weiterentwicklung. In glücklichen Phasen meines Lebens muss ich nichts ändern, ich kann alles so lassen wie es ist, die Tage und Jahre plätschern gemütlich und sorglos dahin. Erfahre ich leidvolle Situationen, will ich da so schnell als möglich heraus: Ich bin gezwungen zu handeln, andere Wege zu gehen, mich zu ver-ändern. Darin liegt der Fortschritt, das Fort-schreiten auf dem Weg der geistigen Entwicklung.

Ich selbst hatte eine Kindheit, die ich so niemandem wünschen würde. Aber genau dadurch ging ich auf die Suche nach etwas Anderem, Besseren, das ich schliesslich auch gefunden habe. Heute bin ich ein glücklicher Mensch und das habe ich meinen wohl eher schlechten Eltern zu verdanken, dem erfahrenen Leid.

Leid und Krankheit sind immer auch Chancen, und nur wenn sie als solche überhaupt wahrgenommen und verstanden werden, ergibt sich daraus ein Sinn, der äusserst erfüllend sein kann, oft natürlich erst im Rückblick. Dazu müsste in unserem Denken aber erst einmal der entsprechende Nährboden vorhanden sein...

Sich die Frage zu stellen: „Was hat mir dieses Leid gebracht“ ist der westlichen Gesellschaft grösstenteils fremd. Dadurch bleiben die Opfer oft lebenslang solche, besonders wenn ihr Umfeld noch mit Mitleid statt mit Mitgefühl reagiert.


Thinkabout (24.11.06 13:51)
Liebe Tina

Ich danke Dir für Deinen ausführlichen Kommentar. Wenn ich das westliche Denken kritisch erwähne, so beklage ich damit nicht die Errungenschaften unserer Zivilisation - sondern unseren Umgang damit. Ja, es stimmt: Ich fühle mich bei uns im Westen nicht wohl. Dies hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich glaube, in anderen Gesellschaften gäbe es weniger Fehler, Missbrauch und Ungerechtigkeit. Ganz im Gegenteil.
Was mich stört, ja was mich immer wieder fast wahnsinnig werden lässt, ist unser Umgang mit diesen unseren Errungenschaften. Unser fehlendes Bewusstsein für jede Eigenverantwortlichkeit.
Wir haben Rechte und wir kennen sie. Richtig. Aber wir machen aus unseren Rechten Ansprüche. Wir reklamieren unsere Anteile - und sind damit völlig absorbiert.
Wir schnöden über den Ausgang der Wahlen und die verfügbaren Politiker. Und haben kein Gefühl für das Privileg der Demokratie mehr.
Wir verfolgen stur die Sicht unseres Portemonnaies, während andernorts Menschen für ein bisschen Meinungsfreiheit ihr Leben riskieren. Zivilcourage kennen wir kaum mehr. Wir halten uns raus, wenn irgendwo Schwierigkeiten drohen.
Wir wehren uns vor Überfremdung, während so viele Menschen nie eine Heimat hatten - und wir selbst im Grunde auch nichts mehr wirklich damit verbinden.
Wir suchen nach Therapien, finden sie und absolvieren sie. Konsumieren sie. Wir verlernen das selbständige Denken.
Wir kennen Zufälle, das ist bequemer, als länger nach Gründen zu fragen.
Was der Artikel soll:
Er soll zeigen, wie man nach Gründen fragen kann, wenn man sich selbst fern aller äusserer Unterstützung denkt. Und dabei so liebend sich selbst gegenüber bleibt, dass man seinem Schicksal a priori zubilligt, dass es einem selbst Lehrer sein will und nicht Bestrafer. Denn auch dies ist ein westlicher Reflex:
Dass wir die Akzeptanz menschlichen Leids mit Kapitulation gleichsetzen. Dabei muss man das Leid nicht weg organisieren. Mann soll und darf es befragen und damit umgehen. Und daraus und dadurch weiter wachsen.

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