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Mein Schreiben, mein Atmen.
(Manfred Hinrich)

Vom Tagebuch des Alltags bis zum zeitlosen meditativen Text in Prosa oder Poesie. Teile mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken, und versuche, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

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Ein Nikolaus kommt nie zu früh



Eine Weihnachtsgeschichte für die X-mas-Blogger-Aktion

Der Zug hatte den Sackbahnhof längst wieder verlassen. Vom leeren Geleise wehte ihm ein beissender, kalter Luftzug ins Gesicht. Irritiert schaute sich der alte Mann um. War er wirklich am richtigen Ort ausgestiegen?

Alles war anders als letztes Jahr. Sie hatten also Ernst gemacht und den alten Bahnsteig abgerissen. An Stelle der rostigen Eisenträger war ein gläsernes Kuppeldach getreten, das von mächtigen Pfeilern aus Sichtbeton gestützt wurde.

„Wann wird der Mensch aufhören, für die Ewigkeit bauen zu wollen?“ fragte sich der alte Mann, während seine schmerzenden Gelenke knackten. Er wünschte sich manchmal, dies könnte mal ein Ende haben, und im gleichen Atemzug schämte er sich für seinen Gedanken.

Er packte seine zwei grossen unförmigen Säcke aus grobem Leinen auf einen herrenlosen, verlassenen Einkaufswagen und machte sich auf den Weg zur Eingangshalle, wo sich Ankommende und Abreisende ständig durchmischten. Er hatte keine Eile.

Sie hatten ihm von der Agentur gesagt, sie würden ihn dieses Jahr nicht buchen. Schon Halloween war ein Reinfall gewesen. Alle diese Traditionen wären, egal ob aus Amerika importiert oder in der eigenen Kultur alt und grau geworden, einfach nicht mehr im Mainstream, „irgendwie ausgelutscht eben, wissen Sie“.

Der Alte brauchte einen Moment, bis er den Sinn dieser Worte erfasst hatte. Da es aber zu den Grundeigenschaften dieses Greises gehörte, dass ihm nichts Neues fremd sein konnte, verstand er die flapsigen Worte sehr wohl.

Die Hochnäsigkeit, die Arroganz der Überheblichkeit hatte den immer gleichen Ton, den er auch ohne Worte verstanden hätte. Ein schrilles und doch nuschelndes Zirren in der Luft, bevor sich die Laute ins Nichts verflüchtigten. So belanglos wie lieblos kamen und gingen sie, diese Töne.

Nun, unserem alten Mann konnte zwar nichts wirklich neu erscheinen, aber er ließ sich auch nicht zwingen, mit den immer wiederkehrenden Marotten der Menschen gleichgültig vertraut zu werden, und so war es gerade dieser junge Mensch, der den Nikolaus veranlasste, auch ohne Auftrag in die Stadt zu kommen, und zwar sofort, zwei Wochen zu früh und in Zivil.

"Dann komme ich eben als Freelancer", nahm er sich spöttisch selbst hoch, und während er seinen Einkaufswagen dem Kopfende des Bahnsteigs entgegen schob, staunte er über das neue Gefühl, zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Er war im Weg. Demonstrativ seufzend balancierten die Menschen ihre Koffer an seiner Fuhre vorbei oder sie hetzten mit ausgreifenden Schritten an ihm vorüber. Sie hatten nicht, was er als einziges vor sich fand. Viel Zeit. Und keine Aufgabe.

Er wusste nicht mal, wo er hin sollte. Normalerweise organisierte ihm die Agentur eine einfache Unterkunft. Aber da wollte er gar nicht hin. Er war ja offiziell gar nicht da.

Also tat er, was er zu Hause auch getan hätte. Er setzte sich am Rand der Haupthalle auf den Boden, zog eine Pfeife aus der umgehängten Brusttasche und stopfte sie. Dabei blieb die Zeit nicht stehen, aber er hörte eine ganze Weile gar nichts. Nicht mal die Ansagen über Lautsprecher, die sich im Minutentakt folgten und ankommende und abfahrende Züge ankündigten. Es schien nichts Bedeutenderes für ihn zu geben, als diese Pfeife, und wer ihn wirklich bewusst beobachtet hätte, wäre sich ganz sicher geworden, dass es tatsächlich in der ganzen Halle nichts Wichtigeres zu tun gab.

Als der Nikolaus aufblickte, schaute er direkt in die wachen und grossen Augen eines kleinen Jungen, der ihn aufmerksam musterte. Das passierte dem Nikolaus oft, weshalb er keinen Grund gehabt hätte, irritiert zu sein. Wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass er seine Robe nicht trug, sondern eine warme, ausgebeulte und gefütterte Jacke und Hosen aus schwerem, abgewetztem Stoff. Zudem war der Knabe nicht einfach stehen geblieben, sondern hatte sich vor ihm auf den Boden gesetzt. Während der kleine Junge also seine Augen über das Gepäck und den Einkaufswagen wandern ließ und dabei immer klarer Bescheid zu wissen schien, was er von diesem alten Mann zu halten hatte, durchströmte den Nikolaus dieses immer wiederkehrende Gefühl, das sich immer dann meldete, wenn er Kinder wie diesen kleinen Kerl vor sich sah: Eine tiefe, wohlwollende Liebe, die er dem Jungen am liebsten wie einen schützenden Mantel für alle Zeiten umlegen wollte. Er lächelte den kleinen Wuschelkopf an und zwei dunkle Augenpaare aus verschiedenen Zeiten versanken in einander.

„Na, kleiner Freund. Du scheinst der einzige hier zu sein, der auch etwas Zeit hat.“

„Ich muss. - Vater hat noch zu arbeiten.“

Die Kopfbewegung ist nur angedeutet, aber der alte Mann sieht den Vater sofort. Ein schlanker, fast hagerer Mann mit etwas zu schütterem Haar für sein Alter, der mit einem Handy am Ohr auf und ab geht und sich dabei unablässig mit der Hand durch eben dieses Haar streicht.

Der Nikolaus sagte nichts. Eine Weile schauten sie beide dem Vater zu, dann begegneten sich ihre Blicke erneut.

„Was hat er Dir denn versprochen?“

Väter versprachen immer Dinge, die sie dann nicht halten konnten, und das hielt sie auf Trab. Im Geschäft genau so wie gegenüber ihren Kindern.

„Dass wir einkaufen gehen. Weihnachtsgeschenke. Und Mutter hat auch Geburtstag.“

Der letzte Satz klang traurig, und das machte dem alten Mann erst richtigen Kummer.

„Was möchtest Du jetzt spielen? Fussball?“

„Hier?“

Nun, zufällig habe ich was dabei. Der alte Mann stöberte umständlich in einem seiner groben Leinensäcke, bevor er laut sich räuspernd, aber strahlend einen Fussball in die Hand zauberte.

Mit grossen Augen fixierte der Junge das glänzende Leder.

„Jongliere mal für mich. Ich weiß, das kannst Du gut!“

Schon flog der Ball durch die Luft, so dass der Junge gerade Zeit hatte, auf die Beine zu kommen, um den Ball elegant mit dem Spann abtropfen lassen zu können. Und dann war er nicht mehr zu halten. Links, rechts sprang die Kugel vom Knie zum Kopf, an die Schulter und wieder zurück, Nikolaus klatschte vergnügt in die Hände, zählte laut und immer lauter jede sich folgende Ballberührung und vergass alle schmerzenden Gelenke. Und dann zählten sie mit, die Menschen rundum, blieben stehen und klatschten, und die Wangen des Jungen glühten und seine Augen glänzten. Er sah nichts und hörte nichts, war nur beim Ball und in seiner Selbstvergessenheit das reine ansteckende Glück. Bis Vater kam. Er wollte dazwischen fahren, den Jungen weg zerren, doch er wurde von einem Passanten daran gehindert. „Lassen Sie ihn doch!“

Der Vater sah den etwas schäbig gekleideten Alten am Boden sitzen, daneben seinen sich produzierenden Jungen mit schwitzendem Gesicht, und er fühlte Scham ob dieser Situation, die für ihn einfach unmöglich war. Aber etwas im Blick des alten Mannes am Boden ließ ihn auf den Passanten hören. Er hielt inne und sah seinem Jungen zu, und er sah Dinge an ihm und in ihm, die er noch nie gesehen hatte. Und immer wieder trafen sich seine Blicke mit diesem Mann, der ihn in einer Weise anlächelte, die ihm unheimlich und gleichzeit vertraut war. Es war etwas ungemein Väterliches in dieser Wärme. Er schaute wieder auf seinen Sohn und spürte, wie sehr er seinen Jungen liebte. In diesem Moment spielte sein Sohn den Ball in hohem Bogen dem alten Mann direkt in die Arme. Die Menschen ströhmten auseinander, ein Lachen im Gesicht.

Der alte Mann stand auf und bewegte sich dabei erstaunlich behende, als hätte er Angst, seine neuen Bekannten könnten ihm entwischen.
„Entschuldigen Sie bitte, ich wollte mich nicht aufdrängen. Aber Ihr Junge war so freundlich zu mir.“

„Schon gut“, stotterte der hagere Mann und fuhr sich wieder mit fahriger Hand durchs Haar. Der Alte gab ihm den Ball in die Hand.
„Würden Sie mir eine Freude machen? Ich möchte den Ball Ihrem Jungen schenken. Ich alter Mann kann damit nichts anfangen. Aber ich bin so, wie ich es sein kann, oft im Fussballclub der Stadt. Und ich bin es nur, weil mir dort das Herz aufgeht, wenn ich Jungs wie den Ihren da spielen und sich austoben sehe. Sie glauben gar nicht, was man da fürs Leben lernen kann. Und das auch noch mit Freude. Herrrrrschaft, wenn ich einmal jung wäre, ich würde nichts anderes kennen!“

Und das sagte der alte Mann so gemütlich knurrend und mit einer drolligen Ausholbewegung des rechten Beines, dabei einen imaginären Ball ins Tor befördernd, dass alle Drei befreit und hemmungslos lachen mussten.

Zum ersten Mal seit Jahren überlegte der Vater nichts, bevor er etwas sagte, und konnte doch gleichzeitig nicht schweigen:

„Dürfen wir Sie zum Abendessen zu uns nach Hause einladen?“ Sein Blick wanderte über die Fuhre, aber die sonst üblichen Gedanken folgten nicht und bremsten ihn nicht…

„Nein, das ist nicht nötig. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag.“

„Ja?“

„Als ich noch jünger war, war ich manchmal als Nikolaus unterwegs. Tempi passati“, sagte er seufzend und verscheuchte mit der rechten Hand eine imaginäre Fliege. „Ich würde Sie gerne als Nikolaus besuchen, am 6. Dezember. Ihr Junge hat mir erzählt, dass seine Mutter dann Geburtstag hat. Wie wäre es, Ihre Frau mit dem Nikolaus zu überraschen? Sie mögen nicht an mich glauben, aber lassen Sie sich doch überraschen. Und vor allem Ihre Frau. Das wäre doch ein Geburtstagsgeschenk, irgendwie, nicht? Ich bringe auch keinen zweiten Fussball mit.“

Der Vater lachte und willigte ein, und das Strahlen des Jungen forderte dem alten Mann alle Beherrschung ab, dass er nicht sogleich einen halben Meter vom Boden abhob. Das ziemte sich einfach nicht für den Nikolaus. Er verabschiedete sich freundlich und war alsbald verschwunden.

Auf dem Heimweg hatte der Vater eine gewisse Mühe, die Ereignisse zu verarbeiten und drehte den Ball gedankenverloren von einer Hand in die andere. Der alte Mann hatte sich seine Adresse nicht aufgeschrieben. Warum zweifelte er trotzdem nicht daran, dass er am sechsten Dezember Besuch bekommen würde?

Er drückte seinem Jungen den Ball an die Brust und sagte:
„Also gut, mein Junge. Du darfst dem Fussballclub beitreten. Das willst Du ja schon seit Jahren, wie ich sehr wohl weiß.“

Seinen Buben so glücklich zu sehen, war ein tolles Gefühl. Und dann dachte er an seine Frau. Er würde ein besonderes Geburtstagsgeschenk für Sie finden. Alles wollte er dann doch nicht dem Nikolaus überlassen.

© Thinkabout, 20. November 2006

 

Die Geschichte ist Teil eines e-books, das der Querdenker als Charity-Xmas-Bloggeraktion angeregt hat. Bestellt werden kann auf diesem Bestellformular.



abgelegt in Kategorie Prosa (-isch?)
zudem abgelegt auf der Zusatzseite:Kurzgeschichten
2.12.06 10:07
 
Letzte Einträge: Drüben ist Nr. 3000 erreicht, Wie geht es hier wohl weiter?


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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


paz (2.12.06 10:40)
absolute spitze!!
*mich für Sie freu*
paz


Rinaa / Website (2.12.06 11:57)
wunder- wunderschöööön
vielen dank
diese geschichte werde ich heute meinen beiden männern zum nachtisch servieren
herzlichst Rinaa


Strandsteine (2.12.06 19:35)
Lieber Thinkabout,
Die Wärme dieser Geschichte
berührt mich sehr.
die Dich grüßenden Steine

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