Vom Tagebuch des Alltags bis zum zeitlosen meditativen Text in Prosa oder Poesie. Teile mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken, und versuche, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Egon ist wieder da, irgendwie. Kaum hat er die Tür hinter sich zugemacht, beginnt er sich die Kleider vom Leib zu zerren. Das gestaltet sich schwierig. Das Shirt klebt am Körper.
"Auch dazu bin ich noch zu ungeschickt." Egon ist in einer störrisch verstockten Weise missgelaunt, was Nirvan ein wenig traurig stimmt, weil er weiss, dass wenn Egon weniger geschwitzt hätte, genau das falsch wäre. Dann hätte er sich eben nicht genügend angestrengt, und Punkt. Widerspruch zwecklos.
Nirvan lässt ihm Zeit. Er wird schon reden. Irgendwann redet Egon immer.
Schliesslich steht Egon im Bad, ohne Shirt, und schaut Stirnrunzelnd auf seinen Bauch und die dünnen Wülste auf seinen Hüften. Er spricht zu seinem Spiegelbild, aber Nirvan weiss, dass er sich angesprochen fühlen soll. "Nehmen wir mal z.B. den Hitzig, ja? Der läuft erst seit ein paar Monaten. Aber es scheint, wie ein Verrückter. Und nun hat er einen neuen Job. Er kann nur noch zwei Mal pro Woche laufen, aber er tut es so, dass er 'sein Niveau halten kann', wie er sagt. Als ich mal meinte, 6 Min pro Kilometer wäre mein Tempo, da hat er gelächelt und vielsagend gefragt: 'Und du läufst seit zwei Jahren?' Jaaaah, damals habe ich ihm noch im Brustton der Überzeugung entgegnet, dass ich nicht Leistung suche, sondern Ausgleich, Meditation, Ruhe, Besinnung, Körpergefühl jenseits der Überhitzung. So dass ich nachher nicht Stunden brauche, um runter zu kommen, sondern mit der Dusche wirklich frisch zurück bin im Leben. Aber jetzt? Monate habe ich nichts gemacht, und nun trotte ich mit knapp 7 Minuten pro Kilometer durch die Gegend. Du kannst mir bald Stöcke unter die Achselhöhlen kleben, damit ich nicht zusammen breche."
Nirvan muss nicht lachen. Er hat den bitteren Unterton sehr wohl gehört. Seine Stimme ist ganz ruhig und tragend: "Auch Hitzig kennt sicher Läufer, mit denen er sich vergleicht, anders als mit Dir." "Ist anzunehmen, ja. Hitzig findet immer welche, nach denen er sich strecken kann." "Und was meinst Du, wie geht er damit um?" "Es stachelt ihn an, mit Sicherheit." "Ja, und im Grunde findest Du das lächerlich, nicht wahr? Es gibt immer einen Schnelleren. Jetzt oder eher früher als später. Und dann oder eben gerade jetzt steht Hitzig genau so vor dem Spiegel wie Du, und hat die gleichen Gedanken. Aber lassen wir das. Sage mir mal, wie hast Du Dich denn heute gefühlt, bei Deinem Tempo?" "Gut. Ich fühlte mich nicht so schwer wie letztes Mal, als ich schneller lief." "Und an was hast Du dabei gedacht? An die Zeit, die Du laufen willst, ans Ziel? War das Laufen ein Teil Deines täglichen Wettbewerbs? Oder eine Entspannung? Bist Du mit Medikamenten gegen Dein Asthma gelaufen oder ohne? Hat es noch geregnet, oder knapp zuvor aufgehört? War es heiss oder angenehm kühl und war die Luft frisch vom frühen Regen oder verbraucht und stickig?
Die Antwort auf alle diese Fragen kannte Egon ohne nachzudenken, und sie waren alle positiv. Er schaute auf und sah sich noch immer im Spiegel. Nur sich. Aber es war nun Zeit zu duschen, und er nahm sich ganz mit dabei, mit Bauch und allen Wülsten, mit denen er sehr wohl und im Grunde ganz leicht durch die Tür der Dusche passte.