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Mein Schreiben, mein Atmen.
(Manfred Hinrich)

Vom Tagebuch des Alltags bis zum zeitlosen meditativen Text in Prosa oder Poesie. Teile mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken, und versuche, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

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Frau Jahn und ihre Früchtewähe



Ich habe an diesem Morgen eigentlich nur ein einziges Telefongespräch. Ausgerechnet in diesem Moment läutet es an der Eingangstüre. Ich bitte die Arbeitskollegin, dran zu bleiben, weil ich annehme, dass es der Mann vom Paketdienst ist. Manchmal nimmt er sich noch die Mühe und steigt in den zweiten Stock hoch...

Aber es ist Frau Jahn, und sie balanciert Früchtekuchen auf zwei Tellern. Ich halte den Telefonhörer in der Hand, aber ich tue es nicht demonstrativ.
- Entschuldigung, liebe Frau Jahn, ich bin leider am Telefon. Was haben Sie denn da?
- Ich habe Wähe gebacken. Ist Ihre Frau auch da? Wie geht's?
- Die Teller sind ja noch warm! Das riecht aber lecker! Nein, meine Frau ist heute nicht da. Aber der Kuchen wird schon gegessen!
Ich zwinkere mit dem rechten Auge. Sie strahlt.
"Wie geht's?" fragt sie nochmals, und lächelt ob meiner "verfressenen Freude", und die ist echt.
Die Kollegin wird es schon verstehen, sie kann am Telefon praktisch mithören.

Es tut mir leid, dass ich am Telefon bin, und das sage ich ihr auch und meine ich ernst. Ich hätte gerne ein paar Worte mit ihr gewechselt. Aber ich habe nur die Wahl, gegenüber wem ich wie unhöflich sein will, und schliesslich sage ich Frau Jahn auf Wiedersehen.

Später esse ich die beiden Wähenstücke in einem Zug. Sie sind wirklich lecker. Und noch warm schmecken sie am besten.

Die Teller haben ein unkonventionelles Muster. Farbstriche wie aus Wasserfarbe gehen über die ganze Fläche und laufen am Ende in einem Tropfen aus. Ich reibe beim Abwaschen der Teller immer wieder drüber, bis ich sicher sein kann, dass es das Farbmuster und nicht ein Speiserest ist, der am Teller klebt. Nicht gerade das ideale Geschirr für eine über achtzigjährige Frau, denke ich... Die Unterseiten sind leicht klebrig, und das kaum erst seit heute.

Frau Jahn putzt nun nicht mehr bei uns und auch das Treppenhaus macht sie nicht mehr. Wir haben nun einen Hauswart. Frau Jahn kennt ihn auch. Sie trinkt bei ihm manchmal einen Kaffee im Restaurant, das er hauptamtlich betreibt. Sie läuft nicht mehr so gut. Ihre Welt ist tatsächlich klein geworden. Der Gang zum Coop-Laden über die Strasse ist beschwerlich.
Wird die Welt eigentlich auch langsam, wenn man so mühsam geht, oder kommt sie einem rasend vor?
Da fällt mir auf, wie adrett Frau Jahn in letzter Zeit immer frisiert ist. Und die Kleidung: Wie aus dem Ei gepellt, einfach tipp-topp. Sie pflegt sich hervorragend. Und in diesem Moment bewundere ich sie für ihren stillen Kampf und den sichtbaren Willen, dem Leben das Bestmögliche abzugewinnen. Dass sie mir darin ein Beispiel ist, weiss sie nicht.

Morgen bringe ich ihr die Teller zurück. Und dann werde ich sie fragen, wie es ihr so geht.



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5.10.06 20:17
 
Letzte Einträge: Drüben ist Nr. 3000 erreicht, Wie geht es hier wohl weiter?


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