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Mein Schreiben, mein Atmen.
(Manfred Hinrich)

Vom Tagebuch des Alltags bis zum zeitlosen meditativen Text in Prosa oder Poesie. Teile mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken, und versuche, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

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Egon & Nirvan


Joggen mit Bauch und Seele



Egon ist wieder da, irgendwie. Kaum hat er die Tür hinter sich zugemacht, beginnt er sich die Kleider vom Leib zu zerren. Das gestaltet sich schwierig. Das Shirt klebt am Körper.

"Auch dazu bin ich noch zu ungeschickt." Egon ist in einer störrisch verstockten Weise missgelaunt, was Nirvan ein wenig traurig stimmt, weil er weiss, dass wenn Egon weniger geschwitzt hätte, genau das falsch wäre. Dann hätte er sich eben nicht genügend angestrengt, und Punkt. Widerspruch zwecklos.

Nirvan lässt ihm Zeit. Er wird schon reden. Irgendwann redet Egon immer.

Schliesslich steht Egon im Bad, ohne Shirt, und schaut Stirnrunzelnd auf seinen Bauch und die dünnen Wülste auf seinen Hüften. Er spricht zu seinem Spiegelbild, aber Nirvan weiss, dass er sich angesprochen fühlen soll.
"Nehmen wir mal z.B. den Hitzig, ja? Der läuft erst seit ein paar Monaten. Aber es scheint, wie ein Verrückter. Und nun hat er einen neuen Job. Er kann nur noch zwei Mal pro Woche laufen, aber er tut es so, dass er 'sein Niveau halten kann', wie er sagt. Als ich mal meinte, 6 Min pro Kilometer wäre mein Tempo, da hat er gelächelt und vielsagend gefragt: 'Und du läufst seit zwei Jahren?'
Jaaaah, damals habe ich ihm noch im Brustton der Überzeugung entgegnet, dass ich nicht Leistung suche, sondern Ausgleich, Meditation, Ruhe, Besinnung, Körpergefühl jenseits der Überhitzung. So dass ich nachher nicht Stunden brauche, um runter zu kommen, sondern mit der Dusche wirklich frisch zurück bin im Leben.
Aber jetzt? Monate habe ich nichts gemacht, und nun trotte ich mit knapp 7 Minuten pro Kilometer durch die Gegend. Du kannst mir bald Stöcke unter die Achselhöhlen kleben, damit ich nicht zusammen breche."

Nirvan muss nicht lachen. Er hat den bitteren Unterton sehr wohl gehört.
Seine Stimme ist ganz ruhig und tragend:
"Auch Hitzig kennt sicher Läufer, mit denen er sich vergleicht, anders als mit Dir."
"Ist anzunehmen, ja. Hitzig findet immer welche, nach denen er sich strecken kann."
"Und was meinst Du, wie geht er damit um?"
"Es stachelt ihn an, mit Sicherheit."
"Ja, und im Grunde findest Du das lächerlich, nicht wahr? Es gibt immer einen Schnelleren. Jetzt oder eher früher als später. Und dann oder eben gerade jetzt steht Hitzig genau so vor dem Spiegel wie Du, und hat die gleichen Gedanken.
Aber lassen wir das. Sage mir mal, wie hast Du Dich denn heute gefühlt, bei Deinem Tempo?"
"Gut. Ich fühlte mich nicht so schwer wie letztes Mal, als ich schneller lief."
"Und an was hast Du dabei gedacht? An die Zeit, die Du laufen willst, ans Ziel? War das Laufen ein Teil Deines täglichen Wettbewerbs? Oder eine Entspannung?
Bist Du mit Medikamenten gegen Dein Asthma gelaufen oder ohne?
Hat es noch geregnet, oder knapp zuvor aufgehört?
War es heiss oder angenehm kühl und war die Luft frisch vom frühen Regen oder verbraucht und stickig?

Die Antwort auf alle diese Fragen kannte Egon ohne nachzudenken, und sie waren alle positiv. Er schaute auf und sah sich noch immer im Spiegel. Nur sich. Aber es war nun Zeit zu duschen, und er nahm sich ganz mit dabei, mit Bauch und allen Wülsten, mit denen er sehr wohl und im Grunde ganz leicht durch die Tür der Dusche passte.


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Thinkabout am 30.9.06 18:18



In aufgeräumter Stimmung...



Egon setzte zum vierten Mal an, um den Artikel zu lesen. Dann gab er es auf und legte ihn zum Altpapier. Dieser Stapel war einiges kleiner als jener, der noch abzutragen war. Doch was er sich mal aufsparte, um es in Ruhe noch lesen zu können, machte ihn nun ärgerlich. Das noch zu Entdeckende, Wartende, wurde einfach zum Unerledigten. Aus dem Angebot war eine Forderung geworden.

Er spürte Nirvans Blick, hatte aber überhaupt keine Lust, in dessen Augen das zu lesen, was er im Grunde schon selbst wusste. Dieser Besserwisser. Aber nein, so war es ja immer. Nirvan wusste nur besser, was er selbst im Grunde auch kannte. Immer, wenn er Nirvans Anwesenheit spürte, war er im Grunde der Lösung selbst schon recht nahe.

Egon packte die ungelesenen Zeitungen, wenigstens einen guten Teil davon, und schob ihn zum Altpapier. Kein Gefühl der Niederlage dabei, nicht mehr. Keine Zeit zu haben, ist manchmal einfach eine Tatsache und keine Niederlage. Er fühlte sich ein wenig leichter in seinem Körper und wandte sich tatsächlich den schon länger auf Erledigung wartenden Zahlungen zu. Ohne Missmut. Auf dem Weg zu noch ein bisschen mehr Raum und mit einem weiteren erfrischenden Gedanken:

Es soll Menschen geben, die unter Langeweile leiden und deshalb leere Zeit fürchten. Da ist es doch angenehmer, zu wissen, wo man hin will und nur wegräumen zu müssen, was im Wege steht. Nirvan lächelte. Egon wusste es, drehte sich aber auch jetzt nicht um. Es war einfach ein gutes Gefühl. Genau so, wie der Gedanke daran, wie schön es ist, Zahlungen ohne grosse Sorgen erledigen zu können.

Dankbar war er nun ganz bei der Sache und eine neue Stille umgab ihn, die Nirvan sehr gut kannte und ihm von Herzen gönnte.


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Thinkabout am 21.9.06 11:09



Egons Unordnungssinn



"Warum nur fällt es mir so verd... schwer, Ordnung zu halten?" murmelte Egon, während er ruhelos und mit leicht fahrig schlenkernden Armen auf der Terrasse hin und her strich.
Sein Gesprächspartner fühlte sich nicht zu einer Antwort gedrängt. Die Frage war schon so lange mehr Rhetorik, und das war es, was Nirvan wirklich ärgerte. Immerhin glich der Tonfall jetzt nicht länger dem eines Aufrufs zur Anteilnahme. Jetzt kamen die Worte leise, fast ein bisschen verzweifelt.

Nirvan streckte sich noch etwas länger hin in seinem Liegestuhl, und dann antwortete er tatsächlich:
"Weil du dir die Zeit dafür nicht nimmst und dir einbildest, es wäre vergeudete Zeit. Ziemlich anmassend, wenn ich mir ansehe, was du dann stattdessen tust... Du schaust dir die Ordnung an, wenn sie denn geschaffen worden ist, und fändest es ganz praktisch, darin zu leben."
"Ja, Ordnung zu halten ist wirklich erstrebenswert."
Nun wurde Nirvan ungehalten. "Einer, der so wenig dafür zu tun bereit ist, sollte das Wort "erstrebenswert" hier gar nicht brauchen."
Egon verdrehte die Augen. Für ihn waren dies oft Wortklaubereien. Zumindest zu Anfang. "Ich gebe mir doch Mühe!"
"Nun, ganz offensichtlich ist es zumindest so, dass du Mühe damit hast", spottete Nirvan, fuhr dann aber weiter:
"Mach deine Arbeit fertig. Beginne keine neue, bevor du die alte nicht abgeschlossen und abgelegt hast. Zuvor denke gar nicht erst an die nächste.
Überprüfe deine generelle Haltung. So falle auch niemandem ins Wort, sondern höre geduldig zu. Auch dabei kannst du für die Ordnung üben.
Je ruhiger deine Gedanken werden, um so geordneter stehen sie selbst in einer Reihe, und um so eher kannst du dich darauf verlassen, dass die spontane Eingebung, wo denn etwas Bestimmtes zu versorgen wäre, auch die richtige ist, die du später wieder erinnern kannst. Wenn du dann ohne Hektik richtig was weg arbeiten kannst, dann wird die Ordnung zum Freund."


Ihm war nicht wohl, wenn er solche schulmeisterlichen Vorträge hielt, aber er mochte den Jungen, wie er Egon für sich oft nannte, eben doch so gern, und wenn er dann die Chance sah, ihm zu einem Aha-Erlebnis zu verhelfen, kannte er eben kein Halten mehr. Egons Blicke waren nicht da, wo sie sein sollten, und so seufzte Nirvan leise und wiederholte, was er glaubte, würde sich heute doch noch bei Egon setzen können:
"Strebe hartnäckig, aber mit Geduld nach Ordnung, und du wirst früh merken, dass es sich mit ihr leichter leben lässt."


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Thinkabout am 16.9.06 13:03


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