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Mein Schreiben, mein Atmen.
(Manfred Hinrich)

Vom Tagebuch des Alltags bis zum zeitlosen meditativen Text in Prosa oder Poesie. Teile mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken, und versuche, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

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alle Kurzgeschichten sind nie veröffentlicht worden und in sich (noch) nicht fertig und werden es vielleicht auch nie


 

 

 


Ein Nikolaus kommt nie zu früh



Der Zug hatte den Sackbahnhof längst wieder verlassen. Vom leeren Geleise wehte ihm ein beissender, kalter Luftzug ins Gesicht. Irritiert schaute sich der alte Mann um. War er wirklich am richtigen Ort ausgestiegen?

Alles war anders als letztes Jahr. Sie hatten also Ernst gemacht und den alten Bahnsteig abgerissen. An Stelle der rostigen Eisenträger war ein gläsernes Kuppeldach getreten, das von mächtigen Pfeilern aus Sichtbeton gestützt wurde.

„Wann wird der Mensch aufhören, für die Ewigkeit bauen zu wollen?“ fragte sich der alte Mann, während seine schmerzenden Gelenke knackten. Er wünschte sich manchmal, dies könnte mal ein Ende haben, und im gleichen Atemzug schämte er sich für seinen Gedanken.

Er packte seine zwei grossen unförmigen Säcke aus grobem Leinen auf einen herrenlosen, verlassenen Einkaufswagen und machte sich auf den Weg zur Eingangshalle, wo sich Ankommende und Abreisende ständig durchmischten. Er hatte keine Eile.

Sie hatten ihm von der Agentur gesagt, sie würden ihn dieses Jahr nicht buchen. Schon Halloween war ein Reinfall gewesen. Alle diese Traditionen wären, egal ob aus Amerika importiert oder in der eigenen Kultur alt und grau geworden, einfach nicht mehr im Mainstream, „irgendwie ausgelutscht eben, wissen Sie“.

Der Alte brauchte einen Moment, bis er den Sinn dieser Worte erfasst hatte. Da es aber zu den Grundeigenschaften dieses Greises gehörte, dass ihm nichts Neues fremd sein konnte, verstand er die flapsigen Worte sehr wohl.

Die Hochnäsigkeit, die Arroganz der Überheblichkeit hatte den immer gleichen Ton, den er auch ohne Worte verstanden hätte. Ein schrilles und doch nuschelndes Zirren in der Luft, bevor sich die Laute ins Nichts verflüchtigten. So belanglos wie lieblos kamen und gingen sie, diese Töne.

Nun, unserem alten Mann konnte zwar nichts wirklich neu erscheinen, aber er ließ sich auch nicht zwingen, mit den immer wiederkehrenden Marotten der Menschen gleichgültig vertraut zu werden, und so war es gerade dieser junge Mensch, der den Nikolaus veranlasste, auch ohne Auftrag in die Stadt zu kommen, und zwar sofort, zwei Wochen zu früh und in Zivil.

"Dann komme ich eben als Freelancer", nahm er sich spöttisch selbst hoch, und während er seinen Einkaufswagen dem Kopfende des Bahnsteigs entgegen schob, staunte er über das neue Gefühl, zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Er war im Weg. Demonstrativ seufzend balancierten die Menschen ihre Koffer an seiner Fuhre vorbei oder sie hetzten mit ausgreifenden Schritten an ihm vorüber. Sie hatten nicht, was er als einziges vor sich fand. Viel Zeit. Und keine Aufgabe.

Er wusste nicht mal, wo er hin sollte. Normalerweise organisierte ihm die Agentur eine einfache Unterkunft. Aber da wollte er gar nicht hin. Er war ja offiziell gar nicht da.

Also tat er, was er zu Hause auch getan hätte. Er setzte sich am Rand der Haupthalle auf den Boden, zog eine Pfeife aus der umgehängten Brusttasche und stopfte sie. Dabei blieb die Zeit nicht stehen, aber er hörte eine ganze Weile gar nichts. Nicht mal die Ansagen über Lautsprecher, die sich im Minutentakt folgten und ankommende und abfahrende Züge ankündigten. Es schien nichts Bedeutenderes für ihn zu geben, als diese Pfeife, und wer ihn wirklich bewusst beobachtet hätte, wäre sich ganz sicher geworden, dass es tatsächlich in der ganzen Halle nichts Wichtigeres zu tun gab.

Als der Nikolaus aufblickte, schaute er direkt in die wachen und grossen Augen eines kleinen Jungen, der ihn aufmerksam musterte. Das passierte dem Nikolaus oft, weshalb er keinen Grund gehabt hätte, irritiert zu sein. Wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass er seine Robe nicht trug, sondern eine warme, ausgebeulte und gefütterte Jacke und Hosen aus schwerem, abgewetztem Stoff. Zudem war der Knabe nicht einfach stehen geblieben, sondern hatte sich vor ihm auf den Boden gesetzt. Während der kleine Junge also seine Augen über das Gepäck und den Einkaufswagen wandern ließ und dabei immer klarer Bescheid zu wissen schien, was er von diesem alten Mann zu halten hatte, durchströmte den Nikolaus dieses immer wiederkehrende Gefühl, das sich immer dann meldete, wenn er Kinder wie diesen kleinen Kerl vor sich sah: Eine tiefe, wohlwollende Liebe, die er dem Jungen am liebsten wie einen schützenden Mantel für alle Zeiten umlegen wollte. Er lächelte den kleinen Wuschelkopf an und zwei dunkle Augenpaare aus verschiedenen Zeiten versanken in einander.

„Na, kleiner Freund. Du scheinst der einzige hier zu sein, der auch etwas Zeit hat.“

„Ich muss. - Vater hat noch zu arbeiten.“

Die Kopfbewegung ist nur angedeutet, aber der alte Mann sieht den Vater sofort. Ein schlanker, fast hagerer Mann mit etwas zu schütterem Haar für sein Alter, der mit einem Handy am Ohr auf und ab geht und sich dabei unablässig mit der Hand durch eben dieses Haar streicht.

Der Nikolaus sagte nichts. Eine Weile schauten sie beide dem Vater zu, dann begegneten sich ihre Blicke erneut.

„Was hat er Dir denn versprochen?“

Väter versprachen immer Dinge, die sie dann nicht halten konnten, und das hielt sie auf Trab. Im Geschäft genau so wie gegenüber ihren Kindern.

„Dass wir einkaufen gehen. Weihnachtsgeschenke. Und Mutter hat auch Geburtstag.“

Der letzte Satz klang traurig, und das machte dem alten Mann erst richtigen Kummer.

„Was möchtest Du jetzt spielen? Fussball?“

„Hier?“

Nun, zufällig habe ich was dabei. Der alte Mann stöberte umständlich in einem seiner groben Leinensäcke, bevor er laut sich räuspernd, aber strahlend einen Fussball in die Hand zauberte.

Mit grossen Augen fixierte der Junge das glänzende Leder.

„Jongliere mal für mich. Ich weiß, das kannst Du gut!“

Schon flog der Ball durch die Luft, so dass der Junge gerade Zeit hatte, auf die Beine zu kommen, um den Ball elegant mit dem Spann abtropfen lassen zu können. Und dann war er nicht mehr zu halten. Links, rechts sprang die Kugel vom Knie zum Kopf, an die Schulter und wieder zurück, Nikolaus klatschte vergnügt in die Hände, zählte laut und immer lauter jede sich folgende Ballberührung und vergass alle schmerzenden Gelenke. Und dann zählten sie mit, die Menschen rundum, blieben stehen und klatschten, und die Wangen des Jungen glühten und seine Augen glänzten. Er sah nichts und hörte nichts, war nur beim Ball und in seiner Selbstvergessenheit das reine ansteckende Glück. Bis Vater kam. Er wollte dazwischen fahren, den Jungen weg zerren, doch er wurde von einem Passanten daran gehindert. „Lassen Sie ihn doch!“

Der Vater sah den etwas schäbig gekleideten Alten am Boden sitzen, daneben seinen sich produzierenden Jungen mit schwitzendem Gesicht, und er fühlte Scham ob dieser Situation, die für ihn einfach unmöglich war. Aber etwas im Blick des alten Mannes am Boden ließ ihn auf den Passanten hören. Er hielt inne und sah seinem Jungen zu, und er sah Dinge an ihm und in ihm, die er noch nie gesehen hatte. Und immer wieder trafen sich seine Blicke mit diesem Mann, der ihn in einer Weise anlächelte, die ihm unheimlich und gleichzeit vertraut war. Es war etwas ungemein Väterliches in dieser Wärme. Er schaute wieder auf seinen Sohn und spürte, wie sehr er seinen Jungen liebte. In diesem Moment spielte sein Sohn den Ball in hohem Bogen dem alten Mann direkt in die Arme. Die Menschen ströhmten auseinander, ein Lachen im Gesicht.

Der alte Mann stand auf und bewegte sich dabei erstaunlich behende, als hätte er Angst, seine neuen Bekannten könnten ihm entwischen.
„Entschuldigen Sie bitte, ich wollte mich nicht aufdrängen. Aber Ihr Junge war so freundlich zu mir.“

„Schon gut“, stotterte der hagere Mann und fuhr sich wieder mit fahriger Hand durchs Haar. Der Alte gab ihm den Ball in die Hand.
„Würden Sie mir eine Freude machen? Ich möchte den Ball Ihrem Jungen schenken. Ich alter Mann kann damit nichts anfangen. Aber ich bin so, wie ich es sein kann, oft im Fussballclub der Stadt. Und ich bin es nur, weil mir dort das Herz aufgeht, wenn ich Jungs wie den Ihren da spielen und sich austoben sehe. Sie glauben gar nicht, was man da fürs Leben lernen kann. Und das auch noch mit Freude. Herrrrrschaft, wenn ich einmal jung wäre, ich würde nichts anderes kennen!“

Und das sagte der alte Mann so gemütlich knurrend und mit einer drolligen Ausholbewegung des rechten Beines, dabei einen imaginären Ball ins Tor befördernd, dass alle Drei befreit und hemmungslos lachen mussten.

Zum ersten Mal seit Jahren überlegte der Vater nichts, bevor er etwas sagte, und konnte doch gleichzeitig nicht schweigen:

„Dürfen wir Sie zum Abendessen zu uns nach Hause einladen?“ Sein Blick wanderte über die Fuhre, aber die sonst üblichen Gedanken folgten nicht und bremsten ihn nicht…

„Nein, das ist nicht nötig. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag.“

„Ja?“

„Als ich noch jünger war, war ich manchmal als Nikolaus unterwegs. Tempi passati“, sagte er seufzend und verscheuchte mit der rechten Hand eine imaginäre Fliege. „Ich würde Sie gerne als Nikolaus besuchen, am 6. Dezember. Ihr Junge hat mir erzählt, dass seine Mutter dann Geburtstag hat. Wie wäre es, Ihre Frau mit dem Nikolaus zu überraschen? Sie mögen nicht an mich glauben, aber lassen Sie sich doch überraschen. Und vor allem Ihre Frau. Das wäre doch ein Geburtstagsgeschenk, irgendwie, nicht? Ich bringe auch keinen zweiten Fussball mit.“

Der Vater lachte und willigte ein, und das Strahlen des Jungen forderte dem alten Mann alle Beherrschung ab, dass er nicht sogleich einen halben Meter vom Boden abhob. Das ziemte sich einfach nicht für den Nikolaus. Er verabschiedete sich freundlich und war alsbald verschwunden.

Auf dem Heimweg hatte der Vater eine gewisse Mühe, die Ereignisse zu verarbeiten und drehte den Ball gedankenverloren von einer Hand in die andere. Der alte Mann hatte sich seine Adresse nicht aufgeschrieben. Warum zweifelte er trotzdem nicht daran, dass er am sechsten Dezember Besuch bekommen würde?

Er drückte seinem Jungen den Ball an die Brust und sagte:
„Also gut, mein Junge. Du darfst dem Fussballclub beitreten. Das willst Du ja schon seit Jahren, wie ich sehr wohl weiß.“

Seinen Buben so glücklich zu sehen, war ein tolles Gefühl. Und dann dachte er an seine Frau. Er würde ein besonderes Geburtstagsgeschenk für Sie finden. Alles wollte er dann doch nicht dem Nikolaus überlassen.

© Thinkabout, 20. November 2006

 

Die Geschichte ist Teil eines e-books, das der Querdenker als Charity-Xmas-Bloggeraktion angeregt hat. Bestellt werden kann auf diesem Bestellformular.



abgelegt in Kategorie Prosa (-isch?)
zudem abgelegt auf der Zusatzseite:Kurzgeschichten
2.12.06 10:07

 


Döbeli (fast) allein zu Haus'


Döbeli hatte viel zu tun. Köbeli wollte das nicht verstehen. Papi hatte immer viel zu tun. Für den Kleinen war das eine Art Krankheit. Es konnte doch nichts Schöneres geben als seinen Lego-Bagger und kein wichtigeres Problem als das Kaffeepulver, das nun doch partout mit eben diesem Bagger vom Sack in die Vorratsdose umgefüllt werden musste. Aber Papi hatte keinen Nerv dafür. Er schaute gar nicht hin.
Er wünschte sich, seine Frau käme wieder nach Hause, damit er ins Büro verschwinden konnte. Hier liess sich so schwer arbeiten. Die Konzentration...

Während dessen genoss Frau Döbeli ihren Einkaufsbummel im Wissen, dass ihr Mann seinem neulichen innerehelichen Vortrag über das wohl überlegte Zeitmanagement eines erfolgreichen Kadermitglieds und dessen Anwendbarkeit auf Hausarbeit und Kindererziehung gerade justament jetzt eine praktische Anwendung eben dieser Führungsqualitäten folgen liess. Das erlaubte ihr, trotz vollen Taschen frohgemut die nächste Boutique zu betreten, während ihr erfolgreicher Mann zu Hause fern jeden Organisationsprinzips aber von einem urwüchsigen Instinkt beseelt den Kopf hob.

Döbeli hatte schon lange keine Zeit mehr für Sport, und so staunte er selbst, wie schnell seine Muskeln den Befehl seines Hirns umzusetzen versuchten: Hochschnellen und sich seitwärts strecken, um den Kaffeebeutel im Flug zu fangen, bevor er auf dem dicken weissen Teppich aufschlug... Aber er war nicht schnell genug. Döbeli hatte genau genommen keine Chance. Auch Köbeli hatte längst schon vergessen, welcher Spass es gewesen war, seinem Vater unbemerkt die Schnürsenkel zusammen zu binden. Wie in Zeitlupe sah er seinen Vater auf den Bauch fallen, wobei er den restlichen Kaffee mit einer rudernden Armbewegung über den Boden schleuderte. Sein Handy folgte ihm in hohem Bogen, prallte von Döbelis Hinterkopf ab, was diesen aufheulen liess, um gleich darauf zu klingeln. Dass der Gefangenenchor von Nabucco jetzt doch ziemlich zynisch war als Klingelzeichen, war Köbeli nicht bewusst... Er drückte auf die Empfängertaste und sprach ganz ernst ins Telefon, sein Vater, der Herr Direktor Döbeli, hätte jetzt leider keine Zeit...

(c) Thinkabout, 6.10.06




Eine Art Geburt (Arbeitstitel)

Ich sass im kühlen Wind eines tristen Wintertages fröstelnd auf einer Bank, umgeben vom grau des Hochnebels, der es gleichgültig erscheinen ließ, ob noch Morgen war oder die Mittagszeit schon angebrochen sein mochte. Ich hatte keinen Hunger.

Meine Gedanken malten sinnlose Kreise in das Kiesbett unter meinen Füssen und ich fühlte mich so haltlos, dass ich spürte, wie ich mit samt der Bank durch die Kreise brach und ins Bodenlose zu fallen begann.
Der Schrei in meinem Kopf hallte durch die Leere der Schwerelosigkeit:
„Mir fällt nichts ein!“

Seit Wochen suchte ich nach einer Geschichte in meinem Leben, die es wert war, erzählt zu werden. Im Grunde suchte ich nicht seit Wochen danach, sondern zeit meines Lebens. Wie ein Maler ohne Landschaft stand ich meinem Leben gegenüber und fand einfach nichts, was einen Strich auf dem Papier wert gewesen wäre.

Der Zyniker in mir schwamm obenauf und planschte kichernd durch die trübe Banalität meiner Existenz.

Ich nahm den Mann lange nicht wahr, der sich ans Ende meiner Bank gesetzt hatte. Erst als er die Beine übereinander schlug und sich eine Zigarette anzündete, wobei sein Aktenkoffer zu Boden fiel, sah ich ihn und fragte mich gleichzeitig, wie lange er wohl schon da sitzen mochte?
Er entschuldigte sich höflich, sog gierig an seiner Zigarette, und während er sich nach dem Aktenkoffer bückte, dampfte der Rauch aus seiner Nase und blieb einen Moment zwischen uns stehen, bevor er sich auflöste.

„Ich wünschte, ich hätte die Ruhe, wie Sie einfach mal da zu sitzen. Entschuldigen Sie, ich wollte nicht stören. Aber ich musste mich einfach hinsetzen und es ihnen gleich tun. Aber eben, mir bleibt gar keine Zeit, ich muss leider weiter.“
Er klopfte auf seine rindslederne Mappe, stand auf und verschwand mit einem freundlichen Nicken. Ich konnte seine Augen nicht gleich wieder vergessen. Sie waren nicht ohne Wärme, aber sie konnten nicht ruhig stehen und wurden stumpf, als der Mann sich erhob, als würden sie zurückkehren in eine schon lange furcht erzeugende Enge. Ich hatte mir sein Gesicht nicht merken können. Bis auf ein kantiges Kinn blieb nichts in meiner Erinnerung von diesem nicht mehr jungen und noch nicht alten Geschäftsmann.

Mich durchfuhr der Gedanke, dass das Leben dieses Mannes vielleicht voll von diesen Geschichten war, die ich suchte. Da fiel vor mir ein dürres Buchenblatt langsam, im leichten Wind tanzend, wie von Fäden gehalten zu Boden, als hätte es nirgends anders niedergehen können. Erneut fühlte ich einen Begleiter auf der Bank, der für niemanden sichtbar sein mochte, mir aber gleichsam auf der Schulter sass. Ich starrte das Blatt vor mir auf dem Boden an, das leicht im sanften Wind zitterte, und es war so still, dass ich das Rascheln hören konnte, mit dem es über die Kiesel scheuerte. Die Ränder waren leicht gerollt, vom Frost wie von Zucker überzogen und ich wusste, dass es sofort zu Staub zerbröseln würde, wenn jemand drauf treten würde. Das Blatt war dunkelbraun, und schimmerte an seinen dünnsten Stellen fast rot. Die feinen Adern waren längst vernarbte, tote Materie, doch sie verliehen dem Blatt eine kantige Würde, die mir sagte, wie einzigartig dieses eine Blatt am Ende seines Weges geworden war und bleiben würde. Nur ein Blatt.

Der Engel auf meiner Schulter, der mich besser kannte und länger, als ich mich je selbst kennen würde, flüsterte mir ins Ohr:
„Was interessieren Dich grossartige Würfe und wilde Geschichten, wenn Du durch Deine Wahrnehmungen hier und jetzt einem Blatt so viel Würde schenken kannst? Und in dem Du hinschaust und es anschaust, wenn Du es wahr nimmst und betrachtest, es wirklich siehst, dann segnest Du es. Und wenn Du den Menschen davon erzählst, von diesem Blatt, dann wird das vielleicht spannend sein für sie, weil es ihnen doch im Grunde so viel näher liegt als jede phantastische Geschichte. Und weißt Du was? Nicht nur sie werden dir gerne zuhören. Auch ich werde ganz still auf Deiner Schulter sitzen und lauschen. Ich werde Dir nicht einflüstern. Ich will mich vielmehr überraschen lassen von dem, was Du siehst. Und fühlst. Es ist ein unglaublich entrückendes Erlebnis für einen Engel, zu sehen, wie sein Schutzbefohlener zu leben beginnt.“

Ich hielt das Blatt nun auf der offenen Hand. Ich hatte nicht die Illusion, zu glauben, es wirklich schützen zu können. Hätte ich die Hand geschlossen, so wäre das Blatt zerbrochen, hielte ich es nur an seinem Stiel, so wäre es vom Wind zerrissen worden. Also formte ich eine Schale mit meinem Handteller und fühlte das Kitzeln seiner Ränder auf meiner Haut, während der Zuckerrand aus Frost sich in kleine Rinnsale verwandelte, die auf meine Finger tropften. Da riss ein kurzer Windstoss das Blatt fort, das sofort in zwei Teile zerfiel, die durch die Luft wirbelten, bis ich keines von beiden mehr mit meinen Augen verfolgen konnte.
Ich stand auf und blickte an der Buche hoch, die sich hinter meiner Bank mit nackten Ästen in den grauen Himmel krallte, und ich versprach ihr, wieder zu kommen.

Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Mir war nicht mehr kalt und ich musste mich beherrschen, um nicht meiner Versuchung nachzugeben, nach den einzelnen Kieselsteinen zu kicken, die sich auf den Gehweg verirrt hatten, getreten von Schuhen, die über den Platz geschlurft sein mussten, während mein Schritt nun leicht war und meine Füße mich endlos weit tragen wollten.

© Thinkabout 9. Jan. 2006


Einsam abwärts vorwärts


Einsamkeit. Sie hatte ihn eingeholt. Den Ansprüchen seiner Umgebung, seiner Familie, seines Berufes nicht mehr gewachsen, hatte er Fehler gemacht. Fehler in den Augen der Gesellschaft. Wer ihm eben noch auf die Schultern klopfte, wandte ihm nun den Rücken zu. Und während er diese Rücken anstarrte, das Unbehagen aller über seine Gegenwart für ihn greifbar wurde, ahnte er, dass das neue Gefühl der Einsamkeit nur etwas verdeutlichte, was im Grunde nie anders war: Er war allein. Vor sich und mit sich allein.
Er beglückwünschte sich zum Entschluss, aus der Sitzung zu laufen und in die Berge zu fahren. Hier hatte die Bedrohlichkeit seiner Einsamkeit keinen Schrecken. Hier sprach die Umgebung mit ihm, und seine Gedanken fanden einen langsameren Takt, in dem sie nun nicht mehr um ihn herum wirbelten und ihn in Panik versetzten. Die Bestürzung, die ihn nun erfasste, drang in ihn und stellte Fragen, die die Anklagen „der Anderen“ verdrängten.

Der Abgrund war nur wenige Meter entfernt von der Steinplatte, auf der er sich für eine Rast niedergelegt hatte. Er hatte zwei Möglichkeiten, dem Ansturm seiner Nöte zu begegnen. Der eine Weg war nur diese wenige Meter lang, der andere führte in eine andere ungewisse Zukunft, in der nichts so gewiss sein würde wie sein sozialer Abstieg.
Verwundert stellte er fest, wie die Sonne seine Haut wärmte. Er schloss einen Moment die Augen, erschüttert über die in ihm aufgestiegene Frage:

Warum scheint die Sonne auch für mich?
Warum habe ich gar das Gefühl, dass sie genau für mich scheint?

Dieses Warum, mit dem man so selbstmitleidig sein eigenes Schicksal befragen konnte, wenn man ganz bestimmt keine Antwort erwartete - es bekam einen anderen Klang. Hier, auf dieser Steinplatte, befragte er sein Leben zum ersten Mal seit Jahren nach dem Warum und war dabei neugierig auf die Antworten, die für ihn bereit liegen würden. Während er sich mit dem Gedanken vertraut machte, dass dies eine leidvolle Wanderung werden könnte, deren Mühsal aber nicht durch das Zutun anderer, deren Kritik oder mangelnden Applaus entstehen würde, sondern nur von seiner Ehrlichkeit abhing, formten sich seine Lippen für einen flüchtigen Moment zu einem Lächeln. Dann übermannte ihn tröstender Schlaf, und während er ruhte, regenerierte sein untrainierter Körper neue Energie für die Wanderung zu Tal.

Thinkabout

11.04.2005



EIN MOMENT MIT DURCHBLICK AUF REISEN


Die Empore war mit einem feinmaschigen Geflecht aus geschnitztem Stein abgeschlossen, so dass ich von der Strasse aus nicht erkennen konnte, was dahinter lag oder ob da jemand war, der mich beobachtete. Ich bedauerte sogleich die Frauen, die womöglich in dieser Gesellschaft gezwungen waren, hinter Gittern verborgen zu leben, ohne Ausblick, regelrecht gefangen.
Ich stellte verwundert fest, dass kein Tor zur Strasse hin den Treppenaufgang versperrte. Ich stieg hinauf, über abgenutzte Tritte, die unter Millionen von Füssen speckigen Glanz angenommen hatten, und fand mich sogleich hinter der Empore wieder. Verwundert stellte ich fest, dass, je nach dem, wie ich mich in diesem Korridor hinstellte, ich alles auf dem Platz unter mir beobachten konnte.
Jede Hitze war verschwunden. Eine angenehm kühlender Lufthauch lüftete meine verschwitzten Kleider.
Beschämt wurde mir bewusst, wie eng meine Vorstellungen trotz aller Reisen geblieben waren - vielleicht enger, als es die Gedanken der Bewohner dieses Hauses je sein würden.

Thinkabout
11. März 2005




OHNE RING UND HALT



Es war eigentlich selbstverständlich für ihn, den Ehering nie abzulegen. Fangeisen hatte ihn sein Vater einmal genannt - und dennoch zeitlebens ebenso gehandelt. Manchmal drehte er ihn gedankenverloren zwischen schweißnassen Fingern, wenn er nervös war. Jetzt war er sehr nervös - denn der Ring war verschwunden. Er hatte dem Drängen seiner Kollegen nachgegeben und war mit ihnen in die Bar gegangen, hatte den Ring beim Eintreten verstohlen abgestreift und in die Hosentasche gleiten lassen. Warum nur? Wollte er interessant sein für die Bardame, jung sein unter Junggesellen? Nun stieß sein Ringfinger immer wieder zwanghaft durch das Loch in seiner Hosentasche, während er nach Hause trottete. Der Ring war verloren. Er fühlte sich für eine Lappalie übermäßig bestraft und haderte mit der Ungerechtigkeit und seiner Ungeschicklichkeit, und er schämte sich für seine Eitelkeit, in der er sehr wohl die Beleidigung seiner Frau erkannte. Sie begrüßte ihn freundlich wie immer und erkundigte sich, wie die Sitzung verlaufen sei? Dann wolle sie ihm jetzt noch einen Happen zu Essen richten, das sei kein Problem. Ihr fiel nicht auf, dass er seine linke Hand unter den Tisch schob, aber er versteifte sich ja auch erst, als er bemerkte, dass auch ihr Ringfinger leer war. Und er fragte sich warum und wie lange, und die Tatsache, dass dies schon unendlich lange so sein konnte, ohne dass er es bemerkt hätte, war allein schon Grund genug, keine Fragen zu stellen. Die Fragen trug er stattdessen vor den Fernseher, wo er sich die Nachrichten anschaute, ohne sie wirklich aufzunehmen. Dies war nicht neu. Neu war der Schmerz, mit dem ihm auch das bewusst wurde. Er blieb sitzen, denn er hatte keine Ahnung, was er als Nächstes tun sollte.

Thinkabout - 3. März 2005




REGENSCHIRM?


„Die Regenwahrscheinlichkeit liegt heute bei siebzig Prozent.“ Die sonore Stimme des Radiosprechers trieb mich zum Fenster und ließ mich einen kritischen Blick auf die Wolken werfen, ohne dass mir das die Entscheidung wirklich erleichtert hätte, ob ich einen Schirm mitnehmen sollte oder nicht.
Schließlich entschied ich mich wie meist dagegen und lief los, die Nase im feuchten Wind. Ich habe eine Aversion gegen Schirme. Ich lebe nicht in Prozenten, sondern in Gefühlen, nach Lust und mit Laune. Es ist dann allenfalls meine Aufgabe, den Regen nicht zu verfluchen, sollte er doch kommen.
Jaah, bei so unverfänglichen Dingen wie Regenschirmen kann ich richtig verwegen handeln...

Thinkabout

22.02.05 10:54



LEER GEBRANNT


Die Flammen hatten lange hinter Stahltüren gefangen gewütet, so dass die Wände zu glühen scheinen, als die Verschläge endlich berstend nachgeben und die gelbe Wut des Feuers in die Nacht hinaus schießt und den Himmel rötet. Der Feuerwehrmann, dem der Schweiss unter seinem Helm in Bächen in den Nacken rinnt, kämpft sich mit heißen Wangen an den Brandherd heran, in den Bereich, wo die Hitze so groß ist, dass die eisige Winternacht einen abweisenden Gürtel um das niederprasselnde Elend einer Familie bildet. Noch denkt er nicht an den nahen Morgen, an dem er mit dem Versicherungsfachmann durch die Trümmer stapfen wird, während der beißende Geruch glimmender Holzstümpfe ihm in die Nase steigt und ein pelziger Geschmack sich auf seiner Zunge ausbreitet, weil diese ausgebrannten Räume seine eigene Leere zeigen, die sich schleichend aber gleichsam schwelend unnachgiebig gierig in ihm ausgebreitet hat und ihn immer wieder zum Brandstifter werden lässt.

© Thinkabout, 20.2.05



HILFEN GIBT ES

Er hört es knacken in seinem Knie. Die vor ihm liegende Treppe wird zu einem unbezwingbaren Hindernis. Zitternd setzt er sich hin. Während die Menschen achtlos oder gar missbilligend an ihm vorbei in die Höhe steigen, denkt er an die aufgetürmten Probleme in seinem Leben, an die Katastrophen seines Alltags, und ein Gefühl tiefer Verzweiflung legt sich beklemmend auf seine Brust.
Sein gesenkter Blick bleibt an den kleinen Sandalen von Kinderfüssen hängen, die vor ihm Halt machen. Er hebt seinen Kopf und blickt in himmelblaue Mädchenaugen, die ihn neugierig mustern. „Wenn mein Opa jeweils müde ist, dann nimmt er den Lift.“ Sie zeigt mit ausgestrecktem Finger auf den nahen Liftschacht und ist verschwunden. Er zieht sich am Geländer hoch, macht zwei Schritte von der Treppe runter. Mit durchgestrecktem Bein auf ebener Strecke gehend ist das Knie stabiler und der Schmerz erträglicher. Er drückt auf den Liftknopf - um aufwärts zu fahren.

© Thinkabout, 18.2.05



*** MEIN NAME? ***


Sie haben es aufgegeben - vorerst. Der Polizist vom Dienst hat seine Sache eigentlich ganz gut gemacht. Er ist bewundernswert freundlich geblieben, wenn man bedenkt, dass meine Antworten so gar nicht zu den Formularen gepasst haben, die er doch ausfüllen musste.
Jetzt bin ich da, in einer Zelle auf 4 x 2.5 m, ich hab’s ausgemessen, so gut es ging. Beton umgibt mich. Kahle Wände. Ein langer Quader an der einen Längswand, hinbetoniert für die Ewigkeit. Ich sitze drauf. Mein Hintern spürt durch die dünne Schaumgummi-Matratze die Kälte des Zements. Schlimmer aber ist der Chromstahl. Das Waschbecken, und vor allem das Klo glänzen, wie wenn sie mit Stahlwatte jeden Tag nachpoliert würden. Stahlwatte würde hier hinpassen, unbedingt. Das Klo hat keinen Deckel. Stelle ich mir deshalb vor, mit dem Wasser hinweg gespült zu werden, egal wohin, egal womit? Ich bin aber entschlossen zu bleiben. Und die Wahrheit zu sagen: Dass ich nicht weiß, wer ich bin. Ich habe mir lange genug etwas vorgemacht.
Was sagt das schon aus, einen Namen zu haben, einen Job, eine Frau, eine Familie? Bin ich, was ich scheine? Was ich darstelle? Was ich heiße? Ich habe mir meinen Namen nicht gegeben. Ich fühle mich ihm nicht länger verpflichtet. Also sage ich, dass ich nicht weiß, wie ich heiße.
Der Polizist nannte mich renitent! Nein, ich war und bin nur ehrlich. Ich versuchte, es ihm zu erklären und staune immer noch, wie ruhig ich dabei blieb, obwohl er mich nur verständnislos über seine halb blinden Brillengläser anstarrte.
Ich fühle mich leer und deswegen auch hier nicht unbedingt am falschen Platz, in dieser Zelle, in die sie mich gebracht haben, damit ich zur Besinnung kommen möge. Was sagt man dazu?
Auf jeden Fall sagt mir jeder Quadratzentimeter dieser Zelle, dass er gegen und nicht für mich gebaut worden ist. Ich sitze auf der Matratze, spüre meinen Hintern kalt werden und warte, dass mich die Dunkelheit und Leere anspringt, wie ein schwarzer Panther, der sich auf seine Beute stürzt. Ich will mich endlich spüren, mich erleben, etwas fühlen.
Kahle Wände, glatt und abweisend wie Teflon. Hierher verirrt sich kein Gefühl. Ich schaue in den Spiegel aus bruchsicherem Glas und sehe mich nicht. Ich fühle mich genau so unbeteiligt, wie wenn ich die Wand daneben anstarre.
Endlich drücke die Spülung der Toilette und sehe zu, wie das Wasser mit gurgelndem Geräusch in einem Strudel in die Tiefe gezogen wird und stelle mir vor, dass gleich Nachbars Katze an die Oberfläche gespült wird, mit tropfnassem Fell und verwaschenen, bernsteinfarbenen, Unergründliches denkenden und irgendwie wissenden Augen. Ich könnte hingehen, zum Nachbarn, und ihm sagen, wer seine Katze ersäuft hat. Er würde mir so wenig glauben wie der Polizist im Büro vor meiner Zelle. Und so sitze ich hier wegen meiner Ehrlichkeit, die die Ordnung stört, und nicht wegen meiner Tat, die mir niemand glauben würde - jetzt erst recht nicht mehr.
Ich warte also auf meine Frau, die kopfschüttelnd meinen Pass vorlegen und mich rausholen wird. Sie wird sich für uns beide schämen und sich beim Ordnungshüter entschuldigen und alles daran setzen, dass meine peinliche und lächerliche Eskapade bei eben diesen gleichen Nachbarn nicht bekannt wird. Aber sie wird nicht tun, was nahe liegend wäre: Sie wird mich nicht fragen, was ich mir dabei gedacht habe. Sie wird mich nicht wirklich fragen, sie kennt die Antwort schon, die für sie denkbar und lebbar ist. Und für die Kinder ist es wichtig, dass der Papa heimkommt und sich einkriegt. Darum geht es vor allem und unter allen Umständen.
Ich weiß nicht, ob ich dafür bin, dass unsere Nachbarn sich wieder eine Katze anschaffen. Es sind irgendwie unergründliche Tiere. Vielleicht haben sie plötzlich einen Hund. Hunde sind treuherzig, gefühlsbetont und haben echtes Vertrauen. Bei einem Hund hätte ich größere Schwierigkeiten. Ich verstehe zwar nicht, wie man sich so treuherzig auf Menschen verlassen kann, aber irgendwie verdient so viel Naivität meinen Respekt und weckt eine Art Wehmut in mir. Wenn sie einen Hund anschaffen, so nehme ich mir vor, mache ich weiter wie bisher und was bisher: Nichts.

© Thinkabout (vom Mai 2000)

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