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(Manfred Hinrich)

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Wär ich ein Huhn . . .

Ist die Vogelgrippe eine Rache der Hühner?


Gastautor
LUDWIG HASLER


Das Huhn hat uns schon manches gelehrt. Zeitige Nachtruhe («mit den Hühnern zu Bett gehen», nie die Hoffnung aufgeben («auch ein blindes Huhn findet manchmal ein Korn», Sehnsüchte wach halten («ich wollt, ich wär ein Huhn». Jetzt ist Schluss damit. Weltweit wird das Federvieh im Plastiksack erstickt, lebendig verbrannt, vergraben. Es ist krank. Schlimmer, es könnte den Menschen krank machen.


Doch wer hat es krank gemacht? Der Mensch war mit dem Huhn nur bedingt zufrieden. Einen gefrässigen Vogel zu halten, der mit Eiern geizt und bestenfalls ein, zwei Dutzend pro Jahr liefert, erschien ihm nicht effizient genug. Also wurde gekreuzt und gezüchtet, bis das weisse Leghorn und das braune New-Hampshire-Huhn herauskamen. Die von ihnen abgeleiteten Hybriden erfreuen mit dreihundert Eiern jährlich – bis sie ausgemergelt als frühgealtertes Suppenhuhn enden. Erst kommt der Markt, dann die Moral.

WAS IST DAS TIER, und wer sind wir? Claude Lévi-Strauss, der Philosoph und Ethnologe, gefragt nach einem «unerreichten Ziel seines Lebens», antwortete: «Ich hätte mich gerne einmal richtig mit einem Tier verständigt. Für mich ist es schmerzhaft zu wissen, dass ich nie wirklich herausfinden kann, wie die Materie beschaffen ist oder die Struktur des Universums. Könnte ich mit einem Vogel sprechen, ich glaube, ich gewänne ganz andere Einblicke ins Innere des Lebens.»

Na ja. Das war die Zeit vor Schweinepest, Dioxinhühnern, Hormonkälbern, Antibiotikalachsen, Rinderwahn, Vogelgrippe. Da verfloss die Grenze zwischen Tier und Mensch. Kinder wie Künstler suchten ganz unbefangen das Gespräch und fanden – von den Höhlenzeichnungen bis zu Robert Bressons Film «Au hasard Balthazar» – in den Tieren die älteren Geschwister des Menschen. Stumme Artgenossen, doch mit einer uralten Weisheit, mit einem «Wissen», das in die Anfänge der Erde reicht und von dem der kosmische Spätling Mensch so manches lernen könnte.

Will er aber nicht. Lieber sperrt er Tiere in Zuchtkäfige, füttert sie mit Tierkadavern, quält sie zugunsten fiktiver Vorteile für medizinische Fortschritte, karrt sie ins Schlachthaus. Statt Tierhaltung fabrikmässige Fleischproduktion. Mit hochgezüchteten Eiweissmonstern lässt sich nicht mehr reden. Unsere zeitgemässen Gesprächspartner sind Maschinen, Medien, Computer. Die können irgendwie alles – und gleichzeitig nichts, sie sind ohne Erfahrung, ohne Geheimnis, ohne Fremdheit. In ihnen begegnen wir immer nur uns selber.

JAHRHUNDERTELANG war Viehzucht die Basis der Zivilisation. Das 18. und 19. Jahrhundert konnte nicht genug bekommen von Gemälden mit grasenden Kühen, mit Hirten, mit Gänsen. Der Mensch des technischen Aufbruchs brauchte diese Bilder der unendlich wiederkäuenden Ruhe, dieses grenzenlosen Friedens der Kreatur. Mag sein, da bediente sich auch die romantische Sehnsucht nach der Ersatzidylle. Doch im Grunde der Romantik wirkte das Wissen darum, dass sich die gesamte mitteleuropäische Kultur der Viehzucht verdankt.

Auch wenn die ländliche Wirklichkeit alles andere als idyllisch war: Die Viehhaltung kultivierte den Menschen, ob er wollte oder nicht. Es war die Ökonomie, keine Moral, die verlangte, Tiere zu hüten, zu nähren, zu pflegen. Indem der Mensch das Tier domestizierte, domestizierte er sich – als Hirten, als Viehzüchter, der nicht auffällig intelligent sein musste, um zu kapieren, dass es ihm nur gut geht, wenn auch das Vieh um ihn herum gedeiht. Simpler geht es nicht. Sicherer allerdings auch nicht. Kultur gelingt nur aus der Notwendigkeit.


DAMIT IST ERST MAL SCHLUSS. Notwendig sind wir, alles um uns herum wird beliebig. Was mehr trostlos als sündig ist. Einst glaubten die Menschen, Tiere wären beseelt, und diese Seelen könnten unsere Gedanken lesen. Wie spannend: Nie mehr allein zu sein mit dem bisschen Denkbetrieb im eigenen Kopf. Und wie heilsam rückwirkend: Hätten wir die Vögel so schändlich behandelt, wenn wir geahnt hätten, dass sie unsere erbärmlichen industriellen Verwertungs-Gedanken lesen?

Vielleicht haben sie sie tatsächlich gelesen – und sind drum krank geworden. Nun haben wir die Bescherung. Doch wir begreifen sie nicht, solange wir nur präventivmedizinisch und seuchenpolizeilich denken. Mit dem geschwisterlichen Verhältnis zum Vogelvieh kappten wir auch den Kontakt zu den Wurzeln unserer Kultur. «Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zur Flucht, die ihm abgeschnitten ist» (Max Horkheimer).

Das musste schief gehen. Bricht die Vernunft das Gespräch mit der Natur ab, setzt sie lauter Übel in die Welt, deren sie nicht Herr wird. Rinderwahn, Vogelgrippe. Da hilft kein Bundesamt für Pandemie. Da hilft nur, wieder einmal einer Kuh, einem Vogel in die Augen zu schauen. Die Jahrmillionen zu ahnen, bevor wir Menschen auftauchten. Die tierischen Lebensklugheiten zu bewundern, die unser bisschen Momentanvernunft bescheiden aussehen lassen; die uralten Überlebensroutinen zu achten, die unsere Sozialtechniken lächerlich erscheinen lassen.

Wir sollten wieder einmal ganz vergnügt über das Rind- und Federvieh in uns reden.

© AUSGABE VOM 14. MÄRZ 2006

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