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Mein Schreiben, mein Atmen.
(Manfred Hinrich)

Vom Tagebuch des Alltags bis zum zeitlosen meditativen Text in Prosa oder Poesie. Teile mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken, und versuche, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

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Horizonte...

Reisen zu dürfen, ist das grösste Geschenk und ein wahrer Luxus im besten Sinn des Wortes. So erlebe ich dieses Privileg auf jeden Fall, seit mich meine Frau mit 22 Jahren mit diesem Virus ansteckte...

1984 China

1986 Griechenland

1987 Kenya

1989 Hongkong / Bangkok / Bali / Sulawesi

1990 Peru

1992 Sumatra / Java / Bali

1992/93 Nord-Indien / Nepal

1993 Namibia

1994 Singapur / Malaysia

1995 Namibia / Botswana

1996 Austalien-Rundreise

1997 Tanzania

1998 West-Australien

1999 Ladakh (Indien)

2000 Brasilien

2001 Indien: Rajasthan

2002 Indien: Mumbai / Nashik

2002 Moskau / Transsib / Mongolei

2004 Ecuador

2005 Zürich, Teaching des Dalai Lama: kurzer Weg, lange Reise

 

2006 Mongolei - im Westen (Altai)





Erstelle Deine eigene Landkarte der von Dir besuchten Laender





 

12.05.06

Reisen in früheren Zeiten

Das Schweizer Reiseunternehmen KUONI feiert seinen 100. Geburtstag.
Aus der Chronik, wieder gegeben in der Mittellandzeitung vom Donnerstag, 11.5.06:

1909 kostete eine Reise nach Ägypten 2750 Franken (€ 1800)
Der Lohn eines Arbeiters betrug damals 110 Franken (€ 70) (ich nehme doch an, per Monat; Th.)

Der Konkurrent Hotelplan, vom Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler gegründet, lässt 1935 für eine Woche nach Lugano reisen, inklusive Essen, Bergbahnen und das Strandbad.

1950/51 organisierte Kuoni die erste Reise nach Ostafrika. 4 Gruppen à 30 Personen brachen auf, von denen jede 9000 Franken (€ 5800) bezahlte. Ein Bundesbeamter verdiente damals knapp 1000 Franken brutto im Monat (€ 640). Im Folgejahr blieben die Buchungen aus, Kuoni charterte erstmals ein Flugzeug und drückte den Preis auf 3900 Franken.

1959 konnte von Zürich nach Nairobi geflogen werden. Mit Zwischenlandungen in Rom, Alexandria und Addis Abeba dauerte der Flug 17 Stunden.
Ab 1960 wurden Flugreisen definitiv wichtiger als Bahnreisen, obwohl der Flug von Zürich nach Bangkok 60 Stunden dauerte...


Thinkabout

Tagebuch vom 16. Juli 2005

Besuch erwartet


Wir bekommen heute fürs Wochenende Besuch. Unsere Freundin, die wir in der Mongolei kennen lernten, und die uns vierzehn Tage durch die endlosen einsamen Weiten Ihres Landes geführt hat, kommt als frisch vermählte Ehefrau mit Ihrem deutschen Mann zu Besuch.
Wir werden viel zu erzählen haben - und wir sind gespannt auf eine neue Bekanntschaft. Denn ihren Mann kennen wir noch nicht. Wenn wir uns verstehen, dann planen wir für nächsten Sommer eine vierwöchige weitere Reise in diesem riesigen Land, in dem die Einsamkeit und Weite einen ganz natürlich näher zu sich selber führt - zumal dann, wenn man Vertrauen kann und Führung dankbar anzunehmen weiss, um sich in ungewohnter Umgebung zurecht zu finden und mit der Folge, dass man ungeahnte Einblicke in eine fremde Kultur bekommt. Dadurch, dass O. hervorragend deutsch spricht, kann das Sprachproblem überwunden werden, und die Funktion der Dolmetscherin erweitert sich zur Botschafterin einer ganzen Kultur. Unsere Freundin vermittelt uns Reichtum an Wissen und Erfahrung. Diese Geschenke erwecken wie wenig sonst meine Dankbarkeit. Mein Leben ist sehr viel mehr geprägt worden durch solche Begegnungen, als ich bisher glaubte. Auch das regelmässige Schreiben in diesem Blog hat mir die Augen dafür geöffnet: Reisen öffnet Herzen und Verstand, und es kann Freundschaften begründen, die im Zeitalter unserer Kommunikationsmittel keine Schranken mehr kennt. So lasse ich mir Globalisierung gefallen...


Thinkabout, 16. Juli 2005



Stumme Begegnung in Kashmir


Mädchen auf einem Markt in Kashmir, 1999


Ganz flüchtig nur wurde ich des Mädchens gewahr und ein paar Momente später war es mit ihrem Vater verschwunden. Was blieb war und ist eine tiefe Erinnerung an Schönheit, Stolz und Melancholie und viele andere Empfindungen und Wahrnehmungen, wie sie sich nur in einem menschlichen Gesicht spiegeln können.

Es sind diese Momente, die mich auf Reisen immer wieder neu erkennen lassen, welches Glück es bedeutet, nur schon eine Ahnung vom Reichtum UND den Sorgen anderer Kulturen bekommen zu dürfen. Wer Augen hat, der sehe, wer ein Herz hat, lasse es sprechen, wer gleichgültig bleibt, möge schweigen.

Das Bild entstand zu einer Zeit, in der der Krieg noch seinen ganzen Widersinn entfaltete, und es uns Touristen nur dorthin verschlug, weil aus wettertechnischen Gründen ein überfliegen des Gebietes nicht möglich war...
Wenigstens gibt es heute ein bisschen Hoffnung, dass die Sehnsüchte junger Menschen heute in dieser Region auf weniger staubigen, abweisenden Boden fallen müssen...

Thinkabout, 28.05.05




BLUES 3

BLICK DER ARMUT



Dieses Bild habe ich mit diesem Rahmen in die Fotocommunity gestellt. Es ist eines jener Bilder, das mir von allen am meisten bedeutet. Zu erklären ist das nicht mit der Wirkung oder der Aufnahmetechnik. Ich war eben da, habe dieses Quartier, diese Strasse physisch gespürt, wahrgenommen, aufgesogen, gefühlt. Und ich werde auch jetzt, bei der Betrachtung des Bildes, nicht an Dreck und Schmutz und Elend erinnert. Mich befällt aber eine Art Melancholie.
Es ist ein trauriger Nebelschleier auf mir, der mir den Mangel an eigener Würde anzeigt. Eine Würde, die ich nie besass, weil ich mich nie um das Brot auf meinem Teller zu kümmern brauchte. Wenn ich vor vollem Teller sitze, dann kann ich mit meinem Verstand begreifen, wie glücklich ich mich schätzen kann. Aber ich kenne sie nicht, diese Nähe der Not, die mich Demut lehrt - und wirkliches Glück empfinden lässt, wenn ich zu essen habe.

Aber ich kenne nun das stille Lächeln von Menschen in dieser Strasse, die mit Nichts viel haben und geben und ihr Leben viel selbstverständlicher angehen, als ich es je gelernt habe.

Prompt hat ein fc-Mitglied kritisiert, dass für ein so ernstes Bild ein so farbiger Rahmen unziemlich sei. Sieht er denn nicht, dass genau die Farbe des Rahmens in diesem Bild mit am meisten vorkommt?
Ist es richtig, in der Armut stets nur den Skandal zu sehen, Düsternis und Schrecken? Diese Menschen können reicher sein, als mir je möglich sein wird. Aber wenn ich nur ihre Lumpen sehe, dann kann ich ihnen nie als Empfangender gegenüber treten, obwohl sie mir so viel zu sagen, mich so viel zu lehren haben.
Wenn mein Schrecken blind ist für das Licht, blendet mich am Ende die Dunkelheit, die ich sehen will - und mein Bild wird farblos, weil ich meinen Blick und die Begegnung auf das Eine reduziere - auf eine Frage, die ich nicht beantworten kann, die aber nicht nur als Anklage, sondern als Ansporn, Aufruf, Zwischenruf, als Einladung zum Hinsetzen gewollt wäre:
Warum?
Was genau entrüstet mich?
Wer ist der arme Teufel?
Wer lächelt mehr?
Bin das wirklich ich?
Sind meine Bilderrahmen schwarz?
Sehe ich mit meinen Augen das Dunkel in mir überall und halte es einfach hier gerade nicht aus?
Ist es Liebe, die mich Mitgefühl leben lässt oder
Beklemmung, die aus dem Unverstandenen geboren nach schneller Befreiung schreit?

Thinkabout


COTOPAXI - Ein Riese macht mich still

Der Gipfel des Cotopaxi liegt fast auf 6000müM. Der Gipfel einses aktiven Vulkans unter "ewigem" Schnee....

Er hat uns als erster Botschafter Ecuadors im Flugzeug begrüsst, und er ist uns auf unserer Reise wiederholt begegnet.



Dabei war jede Begegnung ein besonderes Geschenk. Denn sehr oft liegt er unter hängenden Wolken versteckt. Und wenn er sich zeigt, so geschieht das selten ohne Wolkenbänder, die an ihm kleben bleiben und dan unverhofft den Blick auf ihn freigeben wie auf eine Braut, deren Schleier zur Seite geschoben wird.



Selten hat ein Berg mich so gepackt und nachhaltig an die Kraft der Natur erinnert. Und das Wissen um das Brodeln in ihm stellt sicher, dass ich nie vergesse: Nicht einmal der mächtigste Zeuge der Natur steht für die Ewigkeit. Gewiss bleibt nur die stete Veränderung, Gestaltung, Zerstörung und Erneuerung. Aber in allem liegt die kraftvolle Gestaltung neuer Schönheiten.

Thinkabout, 02.02.05


FOTOKNIPPS FRESSEN SEELE AUF


Ein Brunch bei guten Freunden bringt mir die Erinnerung an Venedig zurück. Eine ferne Erinnerung an einen kurzen Aufenthalt. Auch Venedig ist so ein Ort, an den zurück zu kehren ich mich ängstige: Es ist bald achtzehn Jahre her, und Vieles würde ich nicht mehr erkennen oder aber vielleicht ganz anders empfinden als damals. Das geht uns allen wohl so, nur schon deshalb, weil wir uns selbst als Menschen verändern und unsere Wahrnehmungen der an sich gleichen Dinge sich wandeln.

Im Fall von Venedig wie für sehr viele, allzu viele Orte und Landschaften, für Lebensgemeinschaften in Städten und Dörfern kommt noch etwas anderes dazu: Schon zehn Jahre sind in unserer Gesellschaft eine immens lange Zeit, in der sich ein Lebensraum grundlegend verändern kann. Wenn wir in diesem Ort leben und die Veränderungen mitmachen, mögen wir sie vielleicht sogar begrüßen, vielleicht fallen sie uns auch gar nicht so auf. Wenn ich aber an solche Orte zu Besuch komme und meine Erinnerung mit einer neuen Erfahrung, einer neuen Begegnung mit diesem Ort und mit mir konfrontiere, dann passiert es mir allzu oft, dass eine Art Zauber, den ich empfand, nicht mehr zu finden ist.

Orte tiefgründiger Ausstrahlung, mit innerem Leben, ja voll Mystik, büßen für ihre Anziehung. Allzu viele Menschen, die sich einen Ort zu eigen machen, indem sie ihn besuchen und dabei doch gleichsam nur an ihm vorbeiziehen, entweihen ihn. Manchmal denke ich, dass Ureinwohner oder Mystiker, die auf keinen Fall fotografiert werden wollen, mehr wissen als wir, die wir diesen Aberglauben vielleicht zum Brüllen komisch finden. So ziehen wir denn laut fabulierend und bestenfalls wohlwollend staunend durch die Sehenswürdigkeiten dieser Welt und fangen ein, was auf Zelluloid und neu auf digitalen Speichermedien zu speichern ist.

Dabei sollten wir vielleicht besser innehalten und uns einmal beobachten:
Seitdem digital fotografiert werden kann, macht jeder Tourist mindestens doppelt, wenn nicht dreimal so viele Fotos wie zuvor. Es muss nicht gespart werden und der einzelne Klick erfordert deshalb auch keine so große Sorgfalt mehr. Und weil dann eben der Ausschnitt vielleicht nicht glückt und ich das auf dem Display gleich sehen kann, mache ich eben noch ein Bild. Und so drängen sich vor den scheinbar sehenswertesten Motiven noch mehr Menschen, die ihre Trophäe suchen.

Ist etwas leichter zu erreichen als zuvor, so genießen wir diese neue Leichtigkeit nicht. Wir legen keinen Wert auf das WIE. Was wir allenfalls dankbar festhalten, ist, dass wir nun leichter und schneller und bequemer zu einem Resultat kommen. Interessant aber ist am Ende das MEHR: Dadurch, dass ich Zeit gewinne, kann ich in die neu verfügbare Zeit Neues packen. Weiteres. Gefüllt muss es bleiben, das Füllhorn meiner Eindrücke. Ich muss und will aus 14 Tagen Urlaub das Maximum schöpfen. Das Maximum des Angebotenen, des Versprochenen, des Erreichbaren, des zu Entdeckenden.

Und so jagen wir durch die Altertümer, Tempel, Landschaften, Naturparadiese. Und wir alle nehmen etwas mit von der Ruhe, der Stille, der Weisheit. Nur leider tragen wir das Mitgenommene selten in unseren Herzen mit uns. Es klebt viel zu oft an den Schuhen, so dass es unter eilenden Schritten zertreten wird, nutzlos verpuffend im Alltag, der uns mit dem unverändert brüllenden lauten Gleichmut künstlicher Wichtigkeiten empfängt und alles verschlingt, was wir scheinbar mitgenommen oder mitgebracht haben aus unseren Ferien. Und was dann bei uns an den Wänden hängt oder in Alben klebt oder Festplattenspeicherprobleme bereitet, ist vielleicht eine Trophäe, aber am Ende nicht die unsere, sondern der Pokal für die eingeebnete Wohlstandssättigung, die unsere Empfindungstoleranzen im Gleichgewicht der Konsumwelt hält. Vielleicht sind wir ja noch dankbar für unseren Wohlstand, wenn wir nicht gerade am Jammern sind, dass es uns nicht noch besser geht.

Die Traurigkeit aber, die uns beschleichen könnte vor unseren Trophäen, die bleibt ungehört: Sie möchte zum Beispiel fragen:
War ich da, an jenem Ort, bei mir?
Ja, habe ich das Angebot gerade angenommen, näher bei mir zu sein?
Und war ich dabei so offen und auch bereit, von mir selbst etwas da zu lassen?
Wem bin ich begegnet und wem habe ich danke gesagt?

Reisen zu dürfen, ist ein Gottesgeschenk.
Nichts kann für mich den Horizont des eigenen Fühlens und Denkens so erweitern.
Indem wir dies nicht nützen oder es nicht sehen, sind wir nicht nur lieblos gegenüber uns selbst. Wir zerstören mit unserer Gleichgültigkeit, mit der uns fehlenden Sensibilität auch den Zauber dieser Begegnungsstätten. Denn als genau dies wären alle diese Orte gedacht: Als Orte der Begegnung von Menschen mit der Schöpfung, in allen ihren sagenhaften Ausgestaltungen. Der Mensch sollte vor nichts so viel Respekt haben, wie vor der Kraft seiner Gleichgültigkeit.

Und so ist der Markusplatz in Venedig heute ein noch viel mehr einem Jahrmarkt gleichender Platz, den viele Menschen „phantastisch“ finden. „Everything is so amazing, darling, isn’t it?“
Was wäre er erst ohne Lärm? Was war er vor zwanzig Jahren? War damals vorstellbar, dass „es“ noch lauter werden könnte?
Wir sind zu viele. Vor allem, weil wir - jeder für uns - viel zu wenig sind…

Thinkabout, 24.01.05

Bild: Ein stillerer Ort in Venedig, 1986

Venedig_2330034


Nana schreibt mir:

Mich interessiert besonders das Landscape von Australien. Gibt es da wirklich so viele Kängurus? Hast du den Ayers Rock usw. aus nächster Nähe betrachtet sowie das Opera House?
Ich kann mir das alles kaum vorstellen, weil es soweit weg ist. Also praktisch am anderen Ende der Erde.
Wie ist das, schon in so vielen Teilen unserer Erde gewesen zu sein? Willst du nicht manchmal wissen, wie es auf dem Mond oder der Antarktis ist? Für mich ist das, wie ein Buch zu lesen, aber zu wissen : Es ist halt nur eine Geschichte.
Denkst du anders, da du schon soviel gesehen hast?
Für mich ist das unbegreiflich. Wie die Frage, wo das Universum eigentlich drin ist...okay ich bin 15 und klein und dumm, aber ich glaube ich bin nicht die einzige, die sich solche Fragen stellt. Hoffe ich zumindest ;-)
Naja, auf bald
Nana


Liebe Nana,

Ob Du klein bist weiß ich nicht, das ist auch nicht von Bedeutung, ganz sicher aber bist Du nicht dumm. Eine besondere Armut, unter der wir Erwachsenen leiden, ist, dass wir es verlernen, die einfachen Fragen zu stellen. Wenn wir dann manchmal etwas gönnerhaft über scheinbar kindliche Fragen der Jungen lächeln, dann tun wir das leider allzu oft, obwohl wir in unserem Innern wissen, dass wir auf die simple Frage im Grunde keine Antwort haben, vor allem keine einfache, die einleuchtend wäre. Vielleicht nennen wir Euch dann naiv, aber das kannst Du nur allzu oft durchaus auch als Kompliment für Dich stehen lassen. Lass Dir also vor allem den Sinn und das Recht, jede Frage stellen zu dürfen, nicht absprechen.
Da ich mich über Dein Interesse sehr freue, werde ich mich bemühen, Antworten zu finden, die für mich stimmen. Schön, wenn sich Dein Interesse an Australien dadurch noch vertiefen sollte.

Ja, es gibt sehr viele Kängurus in Australien. Es soll zwar Touristen geben, die wochenlang keines zu Gesicht bekommen, aber das scheint mir unmöglich, sobald man sich aus den Städten heraus begibt und durch die Landschaft fährt oder gar wandert. Was man leider auch sieht, sind viele tote Tiere am Straßenrand: Nicht nur Kängurus bleiben in der Nacht bockstill stehen, wenn Sie in einen Scheinwerfer blicken. Dadurch werden sie sehr oft überfahren, weil sie nicht oder viel zu spät zur Seite springen.
Sowohl das Opernhaus wie auch den Ayers Rock kenne ich aus der Nähe, ja. Und ich will Dir gerne etwas verraten. Ich habe im Vorfeld unserer Reise so viel von diesem Felsen gehört, er wurde mir mit so viel Begeisterung geschildert, dass ich für mich eher abgewunken habe und insgeheim dachte, dass ein Felsbrocken, den so viele Menschen schon gesehen haben, nicht so beeindruckend sein kann, mag er auch noch so groß sein. Nun, was soll ich sagen? Wir fuhren in einem Bus an ihm vorbei, in einiger Entfernung, erst einmal zum Hotel in Alice Springs, und ich war vom ersten Anblick an wie vom Donner gerührt. Der Ayers Rock ist magisch, er hat eine unergründliche Faszination und nimmt mich gefangen. Als ich vor ihm stand, ihn umrundete, habe ich sehr wenig gesprochen, und wenn, dann eher leise. Selten zuvor habe ich das Wort „schön“ mit so viel Andacht ausgesprochen. Für die Aboriginals ist der Felsen heilig und sie würden ihn niemals besteigen oder bestimmte heilige Plätze an seinem Fuß entweihen. Das kümmert die Weißen allerdings wenig und so finden ganze Völkerwanderungen auf den Monolithen statt. Für mich ist das ein Beispiel dafür, wie wenig wir zivilisierten Menschen von der Natur behalten haben., wie wenn wir unsere Muttersprache verlernt hätten. Wir sprechen ihre Sprache nicht mehr, weil wir Verstand und Herz in unserem Alltag trennen. Wer sein Essen im Supermarkt aus dem Regal nimmt, hat es vielleicht auch schwer, die Beziehung zur Natur lebendig zu halten. Vielleicht erkennt er in diesem Felsen, der ein Wahrzeichen schöpferischer Urgewalten ist, deshalb im Maximum noch den Aussichtspunkt, den er zu bieten hat für eine Fernsicht, statt Einsichten in seinem Herzen mit zu Tal und nach Hause zu tragen.

Wahrscheinlich überrascht es Dich nicht, dass ich Dir nicht erzählen kann, was man vom Uluru hinab sehen kann (so nennen die Ureinwohner den Ayers Rock). Meine Frau und ich haben den Wunsch der Aboriginals respektiert und sind stattdessen um einen Teil des Felsens herum gelaufen. Schon im Spiel von Schatten und Licht am hellichten Tage haben wir über die verschiedensten Farbtöne des Felsens gestaunt und uns darum am Ende in einiger Entfernung auf den Boden gesetzt und auf die Abendsonne gewartet. Was soll ich sagen? Die Menschen, die erzählen, dass der Ayers Rock in der untergehenden Sonne seine Farbe von Minute zu Minute komplett ändern kann - sie haben recht. Er ist wunderschön. Er ist eines jener Wunder, die für Wissenschaftler keine sein mögen, weil nichts passiert, was nicht erklärbar wäre. Und dennoch sind es Wunder: Es ist ein Gottessegen, dass es Orte wie diesen gibt, wo Menschen erkennen dürfen, wie wunderbar die Schöpfung ist. Und dadurch, dass Du mitten drin in diesem Wunder stehst, und am ganzen Körper eine Erregung und Begeisterung spürst darüber, Teil dieser Schöpfung zu sein, bist Du selbst ein Wunder. Der Fels bleibt stehen und wiederholt sein Farbenspiel noch lange nachdem wir beide tot sind. Das ist nicht traurig. Das ist gut zu wissen und zu glauben. Und vom Glauben der Aboriginals ist hier etwas zu spüren. Wenn Du Dich als klein und dumm bezeichnest, dann bin ich ein alter Esel. Und dieser Esel versichert Dir, dass der Glauben der Aboriginals durch jede Felspore des Uluru in den weiten Himmel über Alice Springs hinaus atmet.







So, Nana, nun bin ich etwas müde. Aber Du siehst, wo Deine Fragen mich hinführen, oder besser wohin zurück. Es tut mir gut und zeigt mir, was für ein Glück ich empfinden darf über so viele Begegnungen, die ich haben durfte. Aber über die besonderen Geheimnisse des Reisens, über den Eindruck grenzenloser Weite und deren Wirkung auf uns im Allgemeinen und über Deine weiteren Fragen reden wir beim nächsten Mal weiter.

Thinkabout, 1.12.04,
ein paar stilistische Anpassungen am 2.12.04

Liebe Nana,

Ob ich wissen möchte, wie es auf dem Mond oder in der Arktis ist? Ob meine Reiselust keine Grenzen hat? Das Universum ergründen, immer weiter dem Fernen nachsteigen, das niemals näher kommt?
Je älter Du werden wirst, desto kleiner wird Dir die Welt erscheinen. Du wirst selbst die Erfahrung machen, dass es heute dem Menschen rein technisch gesehen ein Leichtes ist, fast jeden Punkt der Welt zu erreichen. Du kannst darauf antworten, dass das schade ist. Wie immer, wenn ein Geheimnis zerstört oder etwas scheinbar Grosses plötzlich überschaubar wird. Wir Erwachsenen neigen dazu, das gut zu finden, weil es zu bedeuten scheint, dass wir sicherer sind in einer überschaubarer gewordenen Welt. Es kann aber auch bedrückend sein, wenn Dir bewusst wird, dass 40'000 km Erdumfang im Grunde ein Nichts sind für diesen Planeten, der punkto Grösse im Weltall etwa so bedeutend ist wie eine Nussschale, die auf dem Atlantik schwimmt. Aber lass uns auf die Nussschale zurück kehren, bevor wir es mit der Angst zu tun kriegen und Deinen ursprünglichen Gedanken nochmals aufnehmen. Die Welt bleibt für uns nämlich sehr wohl ein unermesslicher Schatz voller Geheimnisse und Reichtümer, wenn wir uns wirklich auf sie einlassen und mit offenen Augen und wachen Sinnen jedem Leben, das uns begegnet, unsere Aufmerksamkeit schenken.
Immer, wenn Du reist, wird Dir tatsächlich eine Geschichte erzählt. Das bleibt auch so, wenn Du die fernen Orte kennen gelernt hast. Was ich Dir davon erzählen kann, ist meine Geschichte von dieser Reise. Ich bekam sie so erzählt und habe sie mir so gemerkt, wie es mir in dieser bestimmten Zeit zugedacht war. Ich habe dabei die Dinge wahr genommen, für die ich offen war, ich habe mich vor jenen gefürchtet, für die ich nicht bereit war und ich habe andere Erlebnisse und Beobachtungen missbilligt, die ich nicht verstanden habe. Dein Nachbar, wenn er die gleiche Reise macht, wird Dir vielleicht eine nicht unerheblich abweichende Geschichte darüber erzählen. Das zeigt vor allem eines: Wenn Du reist, dann bist Du vor, zwischen und nach Abreise und Heimkehr eine Reisende auf dem Weg zu Dir selbst. Alles, was Dir begegnet, was du siehst und was Dich staunen lässt, was Dich wirklich berührt, hat mit Dir zu tun, geht Dich was an und wird Teil Deiner Erfahrungen. Die segensreichste Reise ist eine, bei der Du ein Stück näher zu Dir nach Hause findest.
Dann ist die Welt auch niemals kleiner geworden, sondern grösser. Und tiefer.

Reisen zu dürfen in fremde Länder und Kulturen, ist ein riesiges Geschenk. Die Begegnungen, die ich haben durfte, bleiben mir unvergesslich. Wir haben Freunde in Indien, in der Mongolei gewonnen.
Aber was ist mit dem Schock der Kulturen, mit den vielen Menschen, denen wir reichen Touristen wie Gesandte eines fremden Planeten vorkommen mögen? Meine Reisen, die mich so beschenken - machen sie umgekehrt andere Menschen ärmer, verschärft sich Armut, Leid und das Gefälle zwischen reich und arm dadurch noch?
Die einzige Antwort, die ich darauf weiß, ist, dass es in meinen Möglichkeiten liegt, zu hören, was mir gesagt wird, zu sehen, was mir gezeigt wird und zu fühlen, was mir geschenkt oder auch geklagt wird. Was ich in fernen Kulturen von einfachen und doch so reichen Menschen über mich lernen durfte, hat mich demütig gemacht. Ich hoffe daher, dass ich wenigstens manchmal ein Samenkorn werden durfte, das in der Wüste der Ignoranz eines Gesprächspartners eine Sonnenblume hat wachsen lassen. Vielleicht ist das alles furchtbar kompliziert und überhaupt nicht fassbar und verständlich für Dich. Vielleicht beschleicht Dich aber wenigstens eine Ahnung, was ich meine und fühle. Und dieses Gefühl, das zu einem Wissen werden kann, das Du auch über Dich selbst gewinnst, macht auch jede Reise am Ende aus:

Eine Reise war eine tolle Reise wenn Du an deren Ende heimgekehrt bist, Dich eingefunden hast in Deiner vertrauten Welt und Du fühlst, dass Du Dir selbst ein bisschen näher gekommen bist. Denn genau da, liebe Nana, in Dir drin, ist das Universum. Nirgendwo sonst können wir mehr darüber lernen. Alles, was wir lernen und in unserem Leben als wahr erkennen und annehmen, sagt uns unser Innerstes. Deswegen ist es so wichtig, dass wir es mitnehmen auf Reisen, dass wir eine Reise nie als Flucht verstehen, sondern als Wanderung zu uns selbst.
Im Grunde ist eine Reise wie ein Tag in Deinem Leben, im Hier und Jetzt. Aufbruch, Wanderung, Begegnung, Heimkehr.

Jetzt habe ich so viel gesprochen, dass dieses Sprichwort der Tuareg in Mali wunderbar zu mir passt:
Wer andere besucht, soll seine Augen öffnen, nicht den Mund.

Und:

Alles in der Welt ist merkwürdig und wunderbar für ein Paar wohl geöffnete Augen.
José Ortega y Gasset


Ich wünsche Dir beim Lesen von Geschichten und Büchern und bei jeder kleinen oder grossen Reise manchen Grund zum Staunen und nie versiegende Neugier am Leben.

Liebe Grüsse

Thinkabout

2. Dez. 2004














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