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Mein Schreiben, mein Atmen.
(Manfred Hinrich)

Vom Tagebuch des Alltags bis zum zeitlosen meditativen Text in Prosa oder Poesie. Teile mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken, und versuche, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

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Einträge zum Thema Fussball

Beobachtungen zu Spiel und Gesellschaft

Ich bitte um Geduld: Das Aufspüren und Einordnen alter Beiträge wird seine Zeit dauern

 

 


Knapp über der Grasnarbe


 

Die Gewalt auf Fussballplätzen - plötzlich wird sie thematisiert. Möglichst politisch korrekt. Und das zwingt zum Jonglieren mit rohen Eiern. Ich frage mich, ob es nicht gescheiter wäre, einmal aus der Sicht eines Einheimischen, aus der eigenen Wahrnehmung und damit der eigenen Mentalität, die ja genau so sehr zu entschuldigen sein dürfte wie die fremde, festzustellen:

Ja, wir haben ein Problem auf den Fussballplätzen. Zu erst einmal ist das ein Problem von uns Dreibeinern. Ich weiss nicht, was da geschieht. Aber wenn wir uns kurze Hosen anziehen und einen Ball vorgesetzt bekommen, wenn wir dazu noch den Geruch aufgerissener Grasnarben trotz Kurzatmigkeit in die Nase kriegen, dann funktionieren gewisse Synapsen im Gehirn plötzlich nicht mehr oder falsch. Wir kriegen den Tunnelblick, schlagen verbale Luftlöcher oder treffen schon mal nur so halb per Pardon was anderes als den Ball.
Ich habe mich immer gewundert, dass es in meiner Mannschaft vor allem die zwei Lehrer waren, die besonders darunter zu leiden begannen, wenn das Spiel etwas fortgeschritten war...
Ich nenne das mal ein Platzhirschproblem und das Bierernstphänomen eines spielerisch angelegten Selbstversuchs in Sachen unterbewusstem Balzverhalten, zu dessen Auslösung es nicht der unmittelbaren Nähe eines Weibchens bedarf.

Dieser grundsätzlichen Herausforderung stellen wir uns alle, die wir im scheinbaren Verbund aber doch mehr in Konkurrenz mehr gegen- als miteinander hinter einem Ball her rennen. Nur hat dieser Tanz auf unvermutet rohen Eiern gleichwohl Regeln und zu deren Durchsetzung einen Schiedsrichter. Und da beginnt das Problem. Denn in der Akzeptanz und im Mitleid mit dem Schicksal dieses Spiessrutenläufers gibt es je nach Breitengrad der heimatlichen Wurzeln der Balltreter ganz augenscheinliche Unterschiede.

Ein Pfiff ist in heimischen Augen wenigstens nach dem ersten Aufbegehren irgendwann eben doch das unvermeidliche Regularium, die notwendige Ordnung für die Erhaltung eines Vergnügens. Und wer das nicht einsieht, muss halt mit gezeigtem rotem Karton vorzeitig duschen gehen. Die Einsicht dieser Notwendigkeit ist in besonders temperamentvollen Mannschaften weniger ausgeprägt, und verhängnisvoller Weise sind es eben je länger je mehr ganze Mannschaften und nicht einzelne Mannschaftsmitglieder, die sich per se als Volksstamm durch einen Schiedsrichterentscheid angegriffen fühlen.
Aussage eines Jugendbetreuers im bayrischen Fernsehen heute abend: Wenn die Schiedsrichter uns Türken nicht von vornherein benachteiligen würden, dann hätten wir mit ihnen kein Problem.

Verzeihung, aber da haben wir alle tatsächlich ein grundsätzliches Problem. Wer einen solchen Verdacht hat, muss ihn begründen. Oder sonst konsequenter Weise in einem Spiel nicht mitmachen, in dem die Regeln nicht eingehalten werden, vermeintlich.
Es ist doch so, dass - egal ob vor dreissig Jahren oder heute - wenn Du zum Auswärtsspiel gegen den FC Juventus, den FC Galatasaray oder Sporting Cube oder wen auch immer fährst, Du weisst, dass das ein anderes Spiel werden wird als gewöhnlich.

Die Lösung kann nur darin bestehen,
a) diese Tatsache einmal offen zuzugeben
b) Ausschreitungen und Verfehlungen konsequent und mit aller Härte zu bestrafen und
c) Jugendprogramme zu fördern, die den Kontakt unter den Kulturen im Spiel fördern und den Blick öffnen für die andere Seite.

Wir alle vergessen uns einmal im Eifer. Aber wir müssen akzeptieren, dass man uns dafür auch den Spiegel vorhält. Und damit ist niemand gegen meine Rasse eingestellt oder voreingenommen. Die Regeln sind ganz einfach. Und sie gelten, egal, ob ich subjektiv den Entscheid des Schiedsrichters verstehen kann oder nicht.
Er dürfte selbst genug Grund haben, sich über meinen letzten Fehlpass zu wundern. Und dafür bestraft er mich ja nicht. Eigentlich komisch, dass er sich diesem Verdacht eigentlich nie ausgesetzt sieht. Oder haben Sie schon einmal einen Spieler reklamieren hören: Diese gelbe Karte gibst Du mir im Grunde nur, weil ich vor einer Minute über den Ball geschlagen habe!




Thinkabout, 6.11.06


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Eine fremde Geschichte?



Es scheint also tatsächlich so zu kommen: Der Film "Deutschland: Ein Sommermärchen" wird in der Schweiz nicht gezeigt werden. Kein Verleih scheint sich dafür zu interessieren. Die Zuschauer auch nicht? Ist Thema und Film wirklich so "national" besetzt, dass sich ausserhalb Deutschlands niemand dafür interessiert?

Denken wir doch mal zurück an die Zeit der WM:

Da wurde ein Fest gefeiert. Und die Deutschen haben sich selbst überrascht, nicht nur die Gäste. Es war eine Party ohne Anbiederung, aber mit unverkrampftem Schmiss und aufrichtiger Begeisterung. Und die Mannschaft von Klinsi hat dazu gepasst. Sie haben mutig nach vorn gespielt und dennoch mit Herz gekämpft. Sie liessen uns mitfreuen und mitleiden, auch wenn sie nicht alle Barrieren bei uns eingerissen haben. Viele mögen am Ende doch froh gewesen sein, dass Deutschland verlor. Sorry, liebe deutsche Freunde, aber den Klein-Nachbarn-Komplex legen wir langsamen Schweizer nicht so schnell ab. Wenn Du aber im Gespräch gesagt hast: Kannst Du mir eine Mannschaft nennen, die offensiver und optimistischer gespielt hat? Nein. Wem hat man am liebsten zugeschaut, wenn man den Fussball liebt? Deutschland. Und darauf angeschubst, gab dies auch jedermann und -frau zu.

Ja, anstupfen musste man schon, insistieren. Aber so mancher wird sich gedacht haben, wie idiotisch das ist, diese miesepetrige Schadenfreude - und wie unangebracht. Vielleicht hallt das Aha-Erlebnis bei einigen ja nach, und hoffentlich tut es das vor allem in Deutschland. Vergesst nicht so schnell, was Ihr über Euch erfahren habt! Und feiert weiterhin unbeschwert, wenn es etwas zu feiern gibt, und das gibt es sehr viel öfters, als Ihr bisher glaubtet. Denn damit fängt die Kunst an:

Das Leben wenigstens fast so schön sehen zu können, wie es tatsächlich ist. Nicht einmal einen Schweizer Schiedsrichter braucht Ihr dazu. Dem Herrn Meier ist es übrigens sauwohl bei Euch, und ich glaube, das hat nicht nur mit seiner unverhofften Bekanntheit zu tun.


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Thinkabout am 7.10.06 20:49

 


Das Fest darf weitergehen



Jetzt kann Deutschland nicht nur schönen Fussball spielen - jetzt kann es auch noch sympathisch verlieren, und zwar auf und neben dem Platz. Ich sage das nicht ironisch, noch mit Häme, sondern ich meine das absolut ehrlich. Ich danke Klinsis Truppe für erfrischenden, positiven Fussball und für die Ahnung zum Schluss, dass nur ein Fussballspiel verloren ging.
Es ist nun Zeit, das Fest befreit von zu grossem Bangen um so fröhlicher zu Ende zu feiern und das in die Welt hinaus zu tragen, was schon in allen Nachrichtentickern steht:
Eine WM voller Wärme und Atmosphäre, die so überzeugend so viele Clichés ins Trudeln bringt.

Für Fussballtechniker geschieht auf dem Platz eher wenig Aufregendes, fast nichts Neues und es gibt keinen Superstar, der das Turnier prägt. Der Star ist das Team - das hatten wir schon. Der Star sind die Gastgeber und Fans - das ist nicht völlig neu, aber doch für viele in dieser Form unerwartet. Und ich bin sicher, dass sich viele Deutsche selbst überrascht zeigen ob dem, was bei und in ihnen selbst passiert.

Frau Merkel übernehmen sie. Oder noch besser: Gebt Ihr Alle, die ich in Deutschland kenne und so sehr schätze, das Heft nun nicht so schnell aus der Hand und packt die Gegenwart an. Die Zukunft kann eine Menge bringen! Und lasst uns immer wieder zusammen kommen und ein Fest feiern. Warum nicht beim Fussball? Die Abseits-Regel zu verstehen, ist dafür nicht Bedingung.


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Thinkabout am 5.7.06 00:36

Kein Frieden für Friedenreich



Vor den Viertelfinals der Fussball-WM verlesen die Captains der Nationalmannschaften eine Erklärung, die sich gegen jede Form von Rassismus in den Stadien richtet, explizit auch auf den Rängen, also unter den Zuschauern. Es ist wichtig, den aktuellen Trends Kontra zu geben und dafür zu sorgen, dass Fussball ein Spiel für alle bleibt und die Völker verbindet, statt sie trennt.

Da hilft manchmal auch ein Blick zurück, wie er heute im Limmattaler Tagblatt auf Grund einer SID-Information angeboten wird:

Haben Sie schon einmal von Arthur Friedenreich gehört? Laut Pelé war er ein ganz grosser Fussballspieler. Und Brasilianer. Die FIFA weist ihm 1329 geschossene Tore in 26 Jahren zu, mehr als Pelé selbst geschossen hat.

Sohn eines Hamburgers und einer brasilianischen Wäscherin war Arthur Friedenreich mit dem richtigen Namen, aber der falschen Hautfarbe ausgestattet. So durfte er auf Grund seiner Abstammung zwar in der Nationalmannschaft spielen, aber Fouls gegen ihn wurden grundsätzlich nicht gepfiffen. Damit seine Gegenspieler ihn nicht erwischten, täuschte der Spieler oft eine Bewegung an, um dann in die andere Richtung zu ziehen. So erfand Arthur Friedenreich nicht nur den Effet-Schuss sondern machte die Körpertäuschung zu seinem herausragend eleganten Spiel.

Er spielte nur 22mal für Brasilien, entschied aber 1919 die Südamerika-Meisterschaft gegen Uruguay mit einem Tor in der 150. Minute. Im Freudentaumel wurde er von den Mitspielern durch die Strassen São Paulos getragen.

Friedenreich gewann sieben Meistertitel. Dabei musste er, um seinen weissen Mitspielern ähnlicher zu sein, vor jedem Spiel sein krauses Haar mit Pomade glätten und sein Gesicht mit Reismehl beschmieren. Fremdenfeindliche Ausgrenzung blieb ihm gewiss, erst recht nach der Karriere, als er seinen Lebensunterhalt fortan in einer Brauerei verdiente, ehe er 77-jährig starb.

Ruhm ist vergänglich, die Veränderung gesellschaftlicher Diskriminierung ein langer, zäher Prozess. Zu lange und zu quälend für einzelne Menschenleben. Heute erinnert ein Denkmal in São Paulo an ihn und Ronaldinho ist ein Superstar...


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Thinkabout am 1.7.06 13:32

Das Fest in und mit Deutschland



Deutschland hat also gegen Argentinien gewonnen und steht im Halbfinale der Fussballweltmeisterschaft.
Im Grunde müsste das nur die Fussballbegeisterten unter uns überhaupt interessieren. Und so mag sich mancher Mitmensch, der damit aber auch überhaupt nichts am Hut hat, darüber enervieren, dass es schlicht unmöglich scheint, an diesem Ereignis vorbei leben zu können.

Nicht immer ist es eben so, dass ein Fussballfest nur die Gruppendynamik von ein paar pubertierenden Schein-Erwachsenen offen legt. Manchmal ist ein Fussballturnier der Spiegel, die Offenlegung einer gesellschaftlichen Entwicklung.
Und so reibe ich mir ein bisschen verwundert aber durchaus mit Sympathie die Augen, wenn ich nach Norden über den Rhein blicke.
Deutschland feiert seine Mannschaft, aber auch das Fest im Lande, und ist wirklich gut Freund zu seinen Gästen. Mehr als sechzehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Mauer scheint man in Deutschland erstmals über diese bisher nie weg gedachte Grenze hinweg zusammen zu rücken. Dabei hilft ein neuer Patriotismus, der sich ausleben darf, weil er nicht mehr in Verdacht gerät, nationalistisch zu sein. Die Nachkriegsgenerationen haben genug davon, sich über Gebühr für selbst nicht Verschuldetes entschuldigen zu müssen, zumal wenn sie gleichzeitig in der Gegenwart offene europäische Demokraten sind und in ihrem Alltag beweisen, dass das gedachte Miteinander nicht an den eigenen Grenzen aufhört.

Dies ist so befreiend, weil gleichzeitig auch von aussen mit neuem Verständnis ins Land geblickt wird. Dazu passt, dass die deutsche Mannschaft positiven Fussball spielt. Plötzlich gewinnt Deutschland, weil es besser spielt, nicht weil es besser kämpft. Die neue Lockerheit überträgt sich auf die Ränge und vor die Stadien und zurück.

Und auch in der Wirtschaft kann man in Deutschland lernen und wahrnehmen, da bin ich sicher, welchen Kraftakt es bedeutete und bedeutet, die beiden Landesteile wieder zu vereinen und die Strukturen dafür zu bilden. Es geht vielen Menschen in Deutschland nicht so gut, wie es ihnen ging - aber auch, wie es ihnen in Zukunft gehen kann. Jede andere europäische Volkswirtschaft hätte angesichts der Aufgabe kollabiert. Es ist Zeit, an neuen Wundern zu arbeiten. Und diesmal sind es Wunder des Ausgleichs, der Prosperität, des Wachstums für möglichst alle, der Verständigung.
Junge Menschen wollen ohne Grenzen leben können. Sie wollen reisen. Sich austauschen. Mittlerweile sprechen auch viele Menschen in Deutschland gut Englisch. Und wenn sie es nicht so gut können, so getrauen sie sich doch eher, es zu versuchen. Weil sie verstanden werden wollen. Weil sie neugierig sind und keine Angst haben, sich eine Blösse zu geben.

Ich wünsche mir, dass diese Neugier von uns allen belohnt wird. Indem wir unsere eigenen Bilder überprüfen, hinsehen, hinhören und lernen - so dass schlichtes Selbstbewusstsein, z.B. im Sport, nicht mehr als arrogant empfunden wird, sondern als Voraussetzung, um auch Erfolg zu haben. Wir können von einander lernen. Europa wird nie eine staatliche Einheit sein. Dafür pflegen wir unsere verschiedenen Mentalitäten viel zu sehr. Das führt aber auch zu einem unglaublichen Reichtum an zu nutzender Kreativität und Individualität, wie es sie vielleicht in keinem anderen Erdteil gibt. Es kann wahnsinnig spannend sein, bei uns zu leben. Und von all jenen, die bei uns, in Deutschland, der Schweiz, in Europa leben und sich hier integrieren wollen, ohne sich aufgeben zu müssen und zu sollen (denn wir sind ja neugierig auf sie, so wie sie sind und wie ihre eigene Kultur sie reich macht), können wir profitieren. Je weiter unser Horizont wird, um so offener können die Herzen werden.

Ich drücke Deutschland an der Fussball-WM die Daumen. Und mit mir tun das Viele, viel mehr als je zuvor, da bin ich sicher. Wir kommen Euch näher, weil Ihr auch uns näher kommt und weil die Achtung steigt vor den Qualitäten der anderen und wir erfahren, wie toll es ist, von einander inspiriert zu werden.
Und so kommt es dann eben, dass kleine Schweizer Fussballer nicht nur sagen, dass sie ein Fussballspiel gegen jeden Gegner gewinnen wollen, sondern - "ein bisschen deutsch" - auch daran glauben, und dass Deutschland nach vorne spielt, mutig und offensiv und kreativ, als wäre das Leben auch Spass. Und so sei es. Und darum ist eben nicht einfach Fussball-WM. Sondern VOR ALLEM WM. Und das will gefeiert, einfach zum Geniessen sein.


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Thinkabout am 1.7.06 00:05

Einfach den Frieden geniessen



Ich wundere mich - und bin auch gerührt. Da gibt es doch tatsächlich Leser, die mich zu trösten versuchen.
Also zur Klärung:
Auch und gerade für mich ist Fussball ein Spiel. Mag ich selbst durchaus geneigt sein, aus dem Spiel und dem Auftritt von Nationalmannschaften Rückschlüsse auf andere Befindlichkeiten des Landes zu ziehen, so heisst das nicht, dass ich selbst mich durch Niederlagen irgendwie runterziehen liesse.

Das Mitfiebern war klasse, das Ende ernüchternd. Na und? Ich ärgere mich nur über den schlechten letzten Eindruck, denn der bleibt länger haften.

Ansonsten gehört nichts so sehr zum Sport wie die Kunst des Verlierens. In jedem Wettbewerb müssen sich alle bis auf eine(n) darin immer wieder neu üben - und das schadet dem Leben überhaupt nicht.

Es ist also Zeit, sich entspannt zurück zu lehnen und in aller Ruhe und Gelassenheit das Wirkliche im Leben festzuhalten und sich daran zu erfreuen. Und dies ist für uns alle in Zentral-Europa, nach sechzig Jahren Frieden, doch ein Fest.


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Thinkabout am 27.6.06 11:41

Rosa Brillen oder klar Sicht?



Schweiz gegen Ukraine 0:3 n.V.

Es ist schon komisch, wie unterschiedlich ein Ereignis gesehen werden kann.
Während der deutsche Kommentator das Spiel so sieht, wie man es als neutraler Zuschauer sehen muss, nämlich als katastrophale Fehlerorgie zweier sich blockierender Mannschaften, reden sogar so genannte Experten im Schweizer Fernsehen von einem heroischen Kampf. Es war in der Tat eines der schlechtesten Fussballspiele, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.
Ganz ehrlich: Wenn diesem Spiel die Spannung des ungewissen Ausgangs genommen worden wäre, wenn es einfach nur ein Freundschaftsspiel gewesen wäre, mit dem die Zuschauer unterhalten hätten werden müssen, dann wäre das Spiel vor leeren Rängen zu Ende gegangen.

Vielleicht sind die Schweizer einfach noch zu jung, keine Ahnung. Auf jeden Fall hat heute gar nichts wirklich funktioniert. So viele technische Fehler habe ich noch nie gesehen in einem einzigen Spiel - und das lag nicht daran, dass es 120 statt 90 Minuten gedauert hat...

Ich fürchte, dieses Spiel hat die Schweizer wieder etwas kleiner gemacht. Und das wohl zu recht. Natürlich nur sportlich, also fussballerisch gesehen, ist doch klar.

Am Freitag spielt eine andere junge, hoffnungsvolle Mannschaft, von der gehofft wird, dass sie weiter mutig bleibt. Ich sage - ohne Anbiederung: Hopp Deutschland!

Von nun an gehöre ich wenigstens zu den neutralen Zuschauern und meine ehrlich: Die Besten mögen gewinnen.
Mit Grauen denke ich da an Italien gegen die Ukraine... Da spielen zweiundzwanzig Verhinderer Fussball...


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Thinkabout am 27.6.06 00:28

Die Ernüchterung



Verlängerung steht an. Ich habe noch selten ein so schlechtes Fussballspiel mit so hohem physischem Einsatz gesehen. Schade.
Wie das Spiel auch ausgeht - ich bin ziemlich ernüchtert.

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Thinkabout am 26.6.06 22:57

Dreiundzwanzig Vorbildschweizer



Noch schnell einen Eintrag zum Thema schreiben, so lange noch alles möglich ist:

Die Schweizer Zeitungen sind voll mit Beiträgen zum Abschneiden der Schweizer an der Fussball-WM. Interessant, dass auch der seriöseste Journalist bereit ist, dem beachtlichen Erfolg eine Deutung zu geben, die weit über ein blosses Ballspiel hinaus geht, bei dem elf Männer ein Tor mehr geschossen haben als elf andere.
Und ich glaube, alle diese Journalisten haben recht.

Die Schweiz ist ein Land mit einem Bevölkerungsanteil von 20% Ausländern. Dazu kommen alle jene, die ein Asylgesuch gestellt haben, sowie alle "illegalen" Flüchtlinge ohne verhandelten oder beschlossenen Aufenthaltsstatus. Und unter den 80% Schweizern sind sehr viele Secondos: Menschen, deren Eltern in die Schweiz eingewandert sind.

Die Nationalmannschaft ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Sie ist durchsetzt mit Menschen, die einfach so Schweizer sind, deutsch oder französisch oder italienisch sprechend. Dann gibt es da ursprüngliche Angehörige ganz anderer Ethnien: Albaner, Türken, Menschen aus Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien. Und ein farbiger junger Mann wird heute im Abwehrzentrum spielen: Djourou ist neunzehn Jahre alt. Als er siebzehn Monate alt war, kam er mit seinem Vater in die Schweiz. Ohne Mutter... Mit sechzehn wurde er von Scouts von Arsenal London in einem Provinzklub an der Genfer Peripherie entdeckt. Der Mann mit Wurzeln in der Elfenbeinküste und einer Kindheit in der Schweiz, in der manche Geborgenheit nur Sehnsucht bleiben musste, lebt bei einer irischen Gastfamilie in London. Lebte. Jetzt hat er eine eigene Wohnung und genügend Selbstvertrauen, um mit neunzehn Jahren gegen Schewtschenko, den mehrmaligen Fussballer Europas, zu bestehen. Er zweifelt nicht daran.
Und jetzt kommt das Entscheidende:
Wir auch nicht.
Die ganze Schweiz glaubt mittlerweile jungen Fussballern, wenn die sagen: Wir können das!
Menschen, die früher zehn Minuten vor Ende eines Spiels darüber nachgedacht haben, warum man schon wieder mit einem Tor Unterschied verlieren wird, glauben nun daran, dass man eine Runde weiter kommt. Und dann noch eine. Und man fragt: Warum eigentlich nicht?

Hätte die Schweiz ein wenig von diesem Selbstbewusstsein im Jahre 1992 besessen, wir wären in der Volksabstimmung dem EWR beigetreten und hätten uns nicht verweigert. Wir hätten den Wettbewerb gesucht, gefunden und darin auch bestanden. Keine Frage.

Was, wenn "wir" heute abend verlieren? Da bin ich selbst am meisten gespannt. Was wird bleiben? Denn dem Aussenseiter winkt auch im Erfolg die Niederlage drohender als den Arrivierten. Aber ich denke schon, dass viele Menschen etwas gelernt haben. Von genau jenen eingebürgerten Schweizern, die oft viel überzeugtere Schweizer sind als ich, und die längst Schweizer Qualitäten erkannt und angenommen haben, die wir gar nicht mehr sehen oder gar schlecht reden.

Es ist durchaus an der Zeit, dass wir wieder von einander lernen. Verstehen tun wir uns ja eh ganz gut, nur schon verbal und nonverbal: Verwundert schauen wir Fremde an, die uns fragen: Wie versteht ihr einander überhaupt? Bei diesem Sprachengewirr?

Lieber Fremder, das ist kein Gewirr. Das ist eine Vielfalt. DAS ist unser Reichtum, und den möchte ich gerne in Deutschland noch ein bisschen weiter feiern!


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Thinkabout am 26.6.06 20:01

Wortgeflechte bei der ARD



Sport ist manchmal einfach Quelle für unfreiwillige Brüller. Böse Zungen behaupten immer wieder, dass dies Beweis für das Schicksal wäre, dass diese Abteilung der Unterhaltung von Einzellern dominiert würde.

Ich bin da nicht so sicher und befürchte, dass man hier einfach mehr Mut zum Durchschnitt bestitzt. Und wenn's dann dafür lustig wird, warum nicht?

Heute abend bei Waldi im WM-Club in der ARD:

Waldi himself zu Harald Schmidt:

  • Ich werde Deinen Rat behelligen.

Das ist ja geradezu subversiv renitent, aber völlig unbeabsichtigt. Genau so wie der unfreiwillige Tiefsinn, dass der gleiche Waldemar Hartmann in der Folge einen Versprecher von Klinsi National ankündigte:

Klinsmann zu seinem Stürmer Klose:

  • "Er ist momentan in einer bestechlichen Form."

Au weia.

 

Thinkabout


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Thinkabout am 20.6.06 23:50

Die Schweiz ist in Dortmund



Es ist halb zwei Uhr Nachmittags. Ich stelle die Telefonleitung um, packe den Laptop und fahre mit meiner Frau nach Hause. Heute nachmittag arbeiten? Neeeh, sooo wichtig ist Arbeit auch nicht. Die Schweiz spielt ab 15 Uhr an der WM und vier von fünf Schweizern sitzen vor dem Fernseher. Der Rest scheint in Dortmund vor Ort zu sein... Nicht weniger als 50'000 Schweizer wollen die Mannschaft vor Ort unterstützen.

Das Spiel ist dann nicht wirklich gut, die Schweizer, also wir, leiden. SIE machen Fehler, haben Glück, aber am Schluss gewinnen WIR 2:0.

Ihr könnt ja schon lachen über uns, Ihr in Deutschland. Für Euch ist eine WM alltäglich, aber mit den neuesten Resultaten vor diesem Turnier könnt Ihr wenigstens teilweise mitempfinden, was für ein Fest es sein kann, wenn plötzlich ein ganzes Land an einen Erfolg glaubt, obwohl es schon schön ist, überhaupt dabei sein zu können.

Und so lassen wir eben auch mal die Arbeit sausen - ich bekomme den ganzen Nachmittag keinen einzigen Anruf. Und jetzt feiern wir ein WIR-Gefühl, eine Mannschaft, in der jeder für jeden steht und fällt und wieder aufsteht. Sie wird nie einen Gegner "wegspielen", aber sie wird alles geben, und wir werden es erkennen und mit ihr gehen. Wir zelebrieren etwas Nationalfreude (ich sage bewusst nicht -Stolz, der ist gar nicht nötig).

Ich bekomme auch ein neues Gefühl - bisher war es nur ein Wissen - dass es quälend sein kann, sich nicht als Italiener oder Schweizer oder eben Deutscher ausleben zu "dürfen". Die Diskussion in Deutschland, ob so viele "Flaggen gezeigt werden dürfen", sie verebbt zum Glück je länger je mehr, und Klinsis Mannen verblüffen mit Spielwitz und Enthusiasmus und Leidenschaft, die nicht bei der Blutgrätsche anfängt, sondern beim Flügellauf. Deutschlands Spiele gehören zu den attraktivsten überhaupt, und ich sage Euch als Schweizer:

Feiert Eure WM und freut Euch und geniesst sie. Ihr seid wirklich Freunde und die Stimmung ist im ganzen Land super. So kommt sie bei uns auf jeden Fall an und je länger je mehr ist dies alles einfach ein Fest. Die Bilder der friedlichen Koexistenz der Nationen auf den Rängen, der Enthusiasmus, mit dem die eigene Mannschaft unterstützt wird, um danach "die Gegner" beim Diskutieren und Schwatzen zu Freunden zu machen, das ist doch einfach wunderbar.

Des Menschen Natur ist mit am friedfertigsten in der eigenen Sorglosigkeit des Augenblicks. Und dies ist nicht die schlechteste Variante. Und die echten Fans sollen und werden sich das Fussballfest niemals nehmen lassen.

Ich wünsche Deutschland auf jeden Fall eine richtig knallige WM, einen weitere Befreiungsschlag, dank dem Deutsche genau so deutsch sein dürfen wie Schweizer schweizerisch - und das lachend und schulterklopfend, im Spiel rivalisierend und in der Arbeit kooperierend.

Es ist alles im Grunde so einfach. Warum soll nicht gerade ein simples Spiel uns ein neues Gefühl dafür geben?


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Thinkabout am 19.6.06 18:37

Hopp Schwiiz!

(aber nicht zu laut)


Die ganze Zeit über, in der tatsächlich nichts wichtiger sein muss als das nächste Fussballspiel, also so lange ich Kind blieb, war meine Erfahrung stets die gleiche gewesen:

Die Brasilianer spielen den schönsten Fussball und die Schweizer zelebrieren die ehrenvolle Niederlage - mit einem Defensivriegel und Kampfeswille, aber wenig Geist und Inspiration.

Das geht okay, denn seit Pele ist Brasilien irgendwie die Heimat aller Fussballfreunde. Leider sind sie nicht immer erfolgreich, weil zu verspielt.
Die Schweizer waren stets noch ein bisschen sehr viel weniger erfolgreich. Sie qualifizierten sich jeweils gar nicht erst für das WM- oder das EM-Turnier. Wir hatten zwar auch einen Beckenbauer, einen alle überragenden Techniker. Aber es war eben ein Bonsai-Beckenbauer, weil er uns nur die etwas knapperen ehrenvollen Niederlagen garantieren konnte, aber keine Erfolge.

Der Schweizer Fussballer hiess und heisst Köbi Kuhn.


Jetzt, angesichts meiner grauen Haare, wo das Spiel nicht mehr gar so wichtig ist, Niederlagen aber auch nicht kindlich unbeschwert weg gesteckt werden, qualifiziert sich die Schweiz zum dritten Mal in zwölf Jahren für ein grosses Turnier.

Der Trainer bei den letzten beiden Turnieren: Köbi Kuhn.


Hitzfeld hat heute im Tages Anzeiger geschrieben, was ihn so beeindrucke, sei, dass man dem Team von Köbi Kuhn die Freude des Trainers an diesem Spiel anmerke. Er hat die Jungs angesteckt, ihnen einen Virus eingepflanzt.

Und Kuhn schaut und hört stumm und gütig zu, wenn seine Dreikäsehochs posaunen, sie wollten Weltmeister werden. Und selbst sagt er, wenn er darauf angesprochen wird, dass seine Mannschaft mit Ausnahme von zwei Afrikaner-Teams das Allerjüngste wäre: Es gibt keine alten oder jungen Spieler. Nur Gute und Schlechte.
Punkt. Kein Feldspieler bei den Schweizern ist schon dreissig Jahre alt.

Ich denke: Haltet doch bloss die Klappe! Wie peinlich, wenn wir dann sang und klanglos von den Gegnern eingetütet und nach Hause geschickt werden! Per Postauto, denn weit ist es ja nicht. Und da können wir uns dann verkriechen.

Bei uns führt Streller mit das grosse Wort. Der gleiche Streller, der sich bei Stuttgart nicht durchsetzen kann und bei Köln auch nicht wirklich Stricke zerrissen hat. Den langen Schlacks scheint das nicht zu interessieren. Im Nationalteam ist alles ein wenig anders. Alles? Was fünfzig Jahre lang für die Schweiz gegolten hat: Dabei sein war und ist doch auch schon ganz nett, oder? scheint plötzlich nicht zu gelten. Und die Kerls posaunen es auch noch in die Welt hinaus.

Haltet doch bloss die Klappe, will ich nochmals rufen. Wir haben doch nicht wirlich eine Chance. Wer hat denn schon einen Stammplatz im Verein? Und unser Torhüter könnte 2m30 statt 1m98 messen, er würde trotzdem noch Briefkastentore kassieren. Aber auch er ist ein lauter...

Und doch, obwohl die ganze Schweiz nur hofft, statt wirklich glaubt, dass es diesmal ein bisschen anders ist und die Schweiz wirklich gut Fussball spielen kann, war etwas schon gegeben und uns auf dem Weg nach Deutschland geschenkt: Ein Team, das Fussball spielen WILL. Kein einziger fällt für sich auf. Aber als Team haben sie immer wieder Ausstrahlung gewonnen. Dieses Team hat die Zuschauer mehr als einmal mitgerissen. Es lebt etwas vor. Ein Selbstbewusstsein, das dem Land viel zu oft abgeht.

Diese Freude, dieser Optimismus und der Glaube, "etwas reissen" zu können, das macht diese Mannschaft so unschweizerisch, während das Kollektiv umgekehrt so gut zu uns passt:

Wir wollen nicht wirklich Stars haben. Wir sägen einem, der zu sehr oben steht, gerne mal die Füsse ab. Gewinnt Roger Federer in Paris nicht, kommentieren wir das schon mal mit dem Satz: Er muss ja nicht alles gewinnen. Und wir meinen das auch so.

Ich glaube, aus diesen Gründen habe ich ein bisschen Angst, dass wir die Hucke voll kriegen. Es wäre eine Einladung für alle Miesepeter, zu sagen, sie hätten es schon immer gewusst...

Deshalb wünsche ich mir einfach, dass, ganz egal, wie das Resultat heute abend gegen die favorisierten Franzosen lauten wird, die Geschichte des Spiels etwas vom inneren lebendigen Kern der Gruppe erahnen lässt, so dass wir sagen können: Jungs, das war okay!

Und dann schaue ich mir nacher die Brasilianer noch an. So oder so wird das ein Bettmümpfeli sein. Entweder das Sahnehäubchen auf einen schönen Abend oder das Trostpflästerli für das leidige Déjà-vu-Erlebnis. Ronaldinho wird schon einen Weg finden, den Tag für mich ins Lot zu bringen...

Und morgen, ja da muss ich schauen, dass ich die Prioritäten erkenne: Ich habe Termine und Aufgaben und Pendenzen und... Schluss jetzt und allen einen schönen Abend, wie auch immer!

 

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Thinkabout am 13.6.06 16:49

Ausnahmezustand



Schluss, aus! Ich habe die Arbeit für heute eingestellt. Es herrscht schliesslich Ausnahmezustand. Das Telefon hat nicht einmal aufgemuckt. Die Schweiz liegt unter einem Bann.

Es ist Fussball-WM, und wir sind dabei. Wir stehen unmittelbar vor "unserem" Start ins Turnier, und es ist erstaunlich, wen das alles nicht kalt lässt.

Also wird es hier eben auch zum Thema. Würde es sowieso, ich weiss, denn ich bin ja fussballverrückt und damit für so manchen Leser eine Prüfung, weil scheinbar nicht zusammen passen mag, was eben in mir doch alles zu einem wird: Zu einer Person, die jede Form von Spiel begrüsst, bei aller Ernsthaftigkeit. Also wird hier wohl gleich nochmals von Fussball die Rede sein. Ich kann und will es nicht ändern.

Aber es wird ja hier und jetzt und in jedem Land, das infiziert ist, nicht wirklich nur oder nicht mal hauptsächlich von Fussball geredet, sondern vom eigenen Verhältnis zu seinem Land und damit zu "seinem" Team.

Und darüber möchte ich in den nächsten 70 Minuten noch etwas nachdenken, bevor es dann nur noch Fussballfieber gibt, Vorfreude und dann Bangen und Hoffen und Freuen, wenn um 17h50 die Schweiz und Frankreich auf den Rasen in Stuttgart laufen, mit Tonnen von Ballast auf den stolzen Rücken...

 

Stürmer, die blitzschnell zuschlagen, werden auch Phantom genannt. Thierry Henry, der Stürmer von Arsenal London ist nicht so. Er braucht Raum, und kriegt er ihn, so ist er mit dem Ball am Fuss sehr viel schneller als die meisten Gegenspieler ohne störendes Spielgerät. Er kreiert seine Tore. Thierry Henry schiesst meist flach und mit dem Innenrist, und trifft er, so ist sein Torjubel meist verhalten. Ich habe das auch schon arrogant genannt. Heute lese ich in der Zeitung, was er geantwortet hat, als ihn jemand mit Ronaldinho verglichen hat, dem spielfreudigen Lausbub und Meisterjongleur des FC Barcelona, der immer ein Lächeln im Gesicht spazieren führt, mit leuchtenden Augen. Thierry Henry aber hat meist einen Schatten auf dem Gesicht. Er soll gesagt haben:
"Es stimmt. Ich lächle nie. Ich bin so erzogen worden. Wenn ich als Bub nach Hause gekommen bin, und meinem Vater freudig gesagt habe: "Vater, ich habe ein Tor geschossen", dann hat er geantwortet: "Ja, aber du hast nicht gut gespielt."

Die Geschichten, die über so genannte Fussballstars erzählt oder vielleicht auch kolpoertiert werden, mögen immer eine subjektive Farbe haben. Aber manchmal erklären sie auch, was man auf dem Fussballfeld sehen kann. Wie heute abend, wenn Ronaldinho und Henry Fussball spielen. Gegen einander, sehr gut aber ganz unterschiedlich. So eben, wie sie es können. Aus sich heraus.

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Thinkabout am 13.6.06 15:59

 


Religion heute?



Fussball als Ersatzreligion? Diese Frage wird in diesen Tagen immer wieder gestellt. Auch im politischen Wochenmagazin FACTS. Und sie wird nicht nur gestellt, sondern auch beantwortet. Und zwar mit Ja. Und das ist das eigentlich Erstaunliche daran: Mit allem Ernst.
Das bedeutet zwischen den Zeilen, wie auch immer argumentiert wird, in jedem Fall eines: Wir haben gar kein Gefühl mehr dafür, was Religion eigentlich meint.
Niemand wird ernsthaft im Fussball eine tiefere Sinnstiftung für das Leben erkennen oder von Sepp Blatter Antworten auf die Fragen nach den Aufgaben unserer Existenz erwarten.
Fussball ist doch gerade dadurch so mehrheitsfähig, dass es nicht mehr sein will und kann als ein Spiel, eine wunderbare Zerstreuung, die Gesprächsstoff liefert und uns alle dabei mitreden lässt.

Wenn allerdings umgekehrt in einer Religion nicht mehr zu erkennen ist von uns heutigen Zeitenwandlern, dann ist das auch eine Aussage: Wir sind als Gesellschaft weiter vom Grund unserer Existenz entfernt als jemals zuvor. Und wahrscheinlich ist das wahr. Wenn so viele Menschen keine grössere Sorge haben, als die, ob ihre Mannschaft gewinnt oder verliert, dann heisst das vielleicht, dass sie Zerstreuung brauchen bei sehr viel Leid, oder dass sie keine existenzgefährdenden Sorgen haben, aber vielleicht sehr wohl existenzielle.

Religion mag von Menschen gemacht werden. Aber sie ist immer Ausdruck unserer Fragen nach dem Grund und dem Sinn von Leben und Tod. Ein verschossener Elfmeter gibt darauf keine Antwort. Er mag davor und danach Lust oder Frust auslösen, er mag Grund für unser Erleben, für unsere Emotion sein. Aber das wirlich Spannende beginnt doch, wenn ich mich liebevoll in meinem Mitfiebern und meinem Freuen oder Trauern beobachte und die Erfahrung meiner Beigeisterungsfähigkeit, die Lust am Leben mitnehme in mein wieder oder noch immer stilles Kämmerlein, wo ich immer wieder mit mir allein sein werde. Mit oder ohne Fussballleidenschaft.

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Thinkabout am 8.6.06 19:00

 


Ein Volltreffer durch Frankfurt



Frankfurt ist die Stadt der Banken und der Börsen. Frankfurt hat einen entsprechenden Ruf. Kalt und geldorientiert sei sie, sagt man. Die Skyline ist bekannt, aber praktisch nichts vom Leben in der Stadt.

Zur WM nun hat sich die Stadt etwas Besonderes einfallen lassen.

Ich sah gestern abend im ZDF einen Film über die Illuminationsshow "Skyarena" an Frankfurts Wolkenkratzern zur Einstimmung auf die WM.

Frankfurt_Skyarena_Pokal.jpg

Auf einige der grössten Hochhäuser der Stadt wurden Projektionsfolien geklebt und in der Nacht eine Bilderabfolge projeziert, die das Fest Fussball richtig zelebriert. Hunderttausende von Menschen stehen in den Strassen und schauen und hören fasziniert zu (das Ganze ist mit Musik unterlegt). Und das packt: Die Emotionen, die das bei den Menschen auslöst. Ich finde, da hat Frankfurt einen Volltreffer gelandet. In so manchem Gesicht war nix als Freude und fast eine Form von Andacht zu spüren.
Man mag sich vielleicht fragen, ob damit der Fussball auch gleich wieder ad absurdum geführt und falsch bewertet wird. Immer grösser, immer schneller, immer teurer. Wichtig scheint mir aber am Ende nur, DASS Emotion und Gefühl und Freude überhaupt geweckt werden. Wie und durch was ist nicht so wichtig. Schön ist das Resultat, der Mensch, der strahlt. Und die Strassen sind voll von Menschen ALLER Altersklassen, und alle haben sie ein Leuchten in den Augen.
Und so offenbart die Stadt durch einen von den Banken finanzierten künstlerischen Akt, der durchaus Gigantismus in sich trägt, am Ende vor allem die Menschen, die diese Stadt besuchen oder in ihr leben: Denn ohne sie geht nichts. Es braucht für jedes Fest uns, die Menschen, die bereit sind, sich mit Herz zu engagieren und sich entsprechend frei zu machen. Daran allein kann nichts falsch sein.

Und all die kleinen lächerlichen Versuche, mit etwas WM-Nippes einen Zipfel Profit vom Kuchen abzuzwacken - sie sind vor dieser echten Freude am Spiel am Ende an sich der Lächerlichkeit preisgegeben.

Viele der Bilder zeigen übrigens das gemeinsame Erlebnis, den Handshake am Ende, die Traurigkeit der Niederlage, die der Freude des Sieges Frankfurt_Sykarena_Pele.jpgso oft voraus geht oder ihr sehr schnell wieder folgt. Das Leben eben, aber komprimiert auf neunzig Minuten oder hundertzwanzig. Oder auf ein Turnier. Lasst uns Spass haben und Freude erleben - und lasst uns Allen und Jedem, der dies missbrauchen will, die rote Karte zeigen.

Ich freue mich auf die WM. Und ich freue mich auch für Deutschland. Ich glaube, es ist wirklich eine Chance für das Land, sich positiv darzustellen und etwas Schub zu kriegen. Und ich bin sicher, dass es ein Fest wird. Auf jeden Fall wünsche ich es allen, die dafür ihr Herzblut und ihre Zeit gegeben haben. Frankfurt hat ein starkes, ein sehr starkes Zeichen gesetzt.

 

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Frankfurt: Skyarena


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Thinkabout am 5.6.06 16:01

Eine Form von Glück



In diesem Beitrag geht es nicht wirklich um Fussball. Auch wenn ich von einem Fussballer schreibe, so geht es dabei doch vielmehr um Glück - oder eine Form davon, die wir in der Spielfreude empfinden. Der Brasilianer Ronaldinho IST die Verkörperung der Freude am Spiel. Ihn anzusehen, macht Spass, weil er vor und nach jeder Aktion die Freude am Spiel im Gesicht trägt, und ihm zuzuschauen macht Spass, weil jede seiner Bewegungen dieser Freude entspringt. Man muss nichts oder nur ganz wenig für Fussball übrig haben, um das alles spüren zu können. Er sagt von sich selbst nicht: "Ich bin der Beste."
Aber er ist überzeugt: "Ich bin der Glücklichste."

Ja, ja, diese brasilianische Lebenslust, immer den Samba in den Hüften, mag das Leben auch noch so hart und dreckig sein. Uns Europäer stört daran, dass wir unterstellen müssen, was alles vergessen werden muss, um dieses Feiern "durchzuziehen". Wir können "es", das Sorgen, nicht vergessen noch verdrängen. Für uns taugt ein bisschen Samba nicht als Lebenskonzept. Die Malaise wird damit nicht behoben. Sie steigt am nächsten Morgen um so düsterer aus den dunklen und feuchten Ecken wieder hoch.
Oder wir sehen in der südamerikanischen Ausgelassenheit eine Form von Selbstverliebtheit, von Selbstversessenheit. Dabei fühlen sich die Menschen in ihren Körpern einfach anders als wir das tun. Sie sind in ihnen auf eine andere Art zu Hause. Vor allem aber ist ihr Feiern eher eine Form von Selbstvergessenheit. Das Schwere fällt ab. Der Augenblick darf das Joch der Zeit abstreifen.

Zurück zu Ronaldinho, wobei wir die Selbstvergessenheit mitnehmen und Ronaldinho uns einen Moment zum Lehrer machen wollen. Was Ronaldinho nämlich so glücklich macht, ist die immer wiederkehrende Erfahrung, dass genau in diesem und im nächsten Moment nur der Ball wichtig ist, und nichts anderes. Alles andere ist total nebensächlich. Und alle Welt findet das okay. Denn Ronaldinho teilt sein Glück. Mit seinem Team und mit jedem Zuschauer. Dies gibt seinem Glück die nächste Dimension. Ein persönliches Glück, eine gelebte Gabe wird zu einer Freude für Viele.

Was für eine befreiende Unvernunft, nur einen Ball im Kopf haben zu müssen!
Was wäre denn hier die Vernunft? Der mahnende Hinweis, dass Fussball nicht wichtig ist? Kindisch vielleicht gar? Nur ein Spiel?
Was bewirkt denn unsere Vernunft in unserem Alltag? Was rücken wir zurecht, wenn wir "vorausdenken"? Was ändert sich wirklich? Was geschieht mit unserem nächsten persönlichen Augenblick, wenn wir den momentanen damit zubringen, uns auf die Zukunft vorzubereiten? Wir weden den nächsten Moment genau so wenig leben wie den jetztigen.

Es kann nicht so falsch sein, nichts anderes zu wollen, als Hingabe an den Augenblick. Und Hinsehen und Dasein und Leben und Freuen und Trauern. Jetzt.
Der Morgen kommt bestimmt. Wie das Gestern verging. Die Zeit ist ein Lehrer, ob wir uns darauf vorbereiten oder in ihr leben. Wann aber erleben wir wirklich Nachhaltigkeit? Welche Art Umsicht bringt uns weiter und damit näher zu unserem Sollen? Ist es das Vorausschauen oder das Sehen im Augenblick, aus dem wir den Kopf in die Zukunft heben können, und sei es nur, weil wir ihr zutrauen, dass wir in ihr, im nächsten Moment, ein ähnliches Glück wieder erleben dürfen?

Es ist kaum zu glauben, aber übrigens wahr: Nicht nur Brasilianer können mit ihrer Freude anstecken. Wir alle können es. Genau so, wie wir uns anstecken lassen, immer wieder. Hoffentlich.


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Die Strategien der Völker

 

Ich weiss, die Fussballwelt muss nicht jedermanns Welt sein und gerade jetzt, wo alles sich immer mehr um den Ball dreht, kann der Überdruss nahe sein.
Aber ich bleibe dabei: Immer wieder spiegelt das Spiel der Spiele unserer Gesellschaft eben diese Gesellschaft auf erstaunliche Art wieder:

Schauen wir uns doch mal an, wie sich die einzelnen Nationen so vorbereiten, und wo:

Deutschland trainiert in der Schweiz, weil die Schweizer laut Team-Manager so "angenehm unaufgeregt" wären. Und damit das richtig zum Tragen kommt, hat man Quartier zusätzlich in der französischen Schweiz, in Genf, bezogen. Ausser F1-Schumi hat sich kaum ein Deutscher dahin verirrt, und die meisten Genfer haben gar nicht mitbekommen, dass sich ein WM-Team in der Stadt vorbereitet, geschweige denn, um welches es sich handelt. Das Team trainiert derweil unter Ausschluss der Öffentlichkeit, hinter mit Packpapier verklebten Tribüneneingängen im bewusst leer gehaltenen Stadion. Nichts soll die Konzentration stören und kein Spion den entscheidenden voreingeübten Spielzug ins Feindesland rapportieren können.

Die Franzosen weilen in Tignes, in den französischen Alpen auf 2100 müM, wo man die Spieler mit Wollmützen vor Schneewällen auf dem Trainingsplatz sieht. Das Höhentrainingslager fördert offensichtlich den Höhenkoller, so dass sich die rivalisierenden Torhüter in die Haare geraten, so sie denn welche haben. Ansonsten ist alles paletti und man ist, wird versichert, hoch konzentriert.

Angola weilt, wie andere afrikanische Mannschaften auch, schon in Deutschland und hat sich in Celle niedergelassen. Ausgerechnet. Aber die Afrikaner gehen offen auf die Menschen zu, und sie kümmern sich genau so wenig um rassistische Entgleisungen der Vergangenheit, wie die Einwohner von Celle auch, die noch so dankbar die Gelegenheit wahrnehmen, wirkliche Gastfreundschaft zu zeigen. Da funktioniert die Verbrüderung durch Sport und Spiel ein erstes Mal.

Und die Schweizer? Die machen hübsch getrost alles am besten so wie immer. Also trainieren sie im gleichen Hotel wie vor jedem Länderspiel und auf den gleichen Trainingsplätzen wie immer - nur vor viel mehr Zuschauern als je zuvor. Logieren wird man in Deutschland in Bad Bertrich, einem verschlafenen Kurort, für den die Schweizer einen Lotto-Sechser darstellen. Wir hoffen auf Wechselwirkungen...

Bleiben die Brasilianer. Auch die sind in der Schweiz. Im hübschen Ort Weggis, der genau die grünen Matten und die geschwungenen Hügel besitzt, die der Name verspricht. Aber der Ort am Vierwaldstättersee ist im Ausnahmezustand. Der Trainingsplatz ist zum Kleinstadion für 5000 Zuschauer ausgebaut worden. Jedes Training der Brasilianer ist öffentlich und ausverkauft, wofür jeder Zaungast zwanzig Franken Eintritt bezahlt hat. Jede Ballberührung wird von hunderten von brasilisanischen Journalisten per Handy (!), Kamera oder Radiomikrofon live (!) in die Heimat übertragen. Eine Erlebnismeile schliesst sich an den Trainingsplatz an, auf der einfach alles abgerufen, konsumiert und gekauft werden kann, was man mit Brasilien in Zusammenhang bringen mag. Jeder Tag ist Volksfest, und einfach Spass pur.

Meine Frau, die beste Fussball-Analytikerin for ever und der harmloseste aber auch kompromissloseste Fan dieses Spiels, der regelmässig zur Halbzeit die halbe Mannschaft zum Duschen schicken würde, hält summarisch fest: Alles klar:
Die Deutschen sind auf Geheimhaltung und generalstabsmässige Planung bedacht, die Franzosen sind (zu) stolz bzw. haben es hoch im Kopf (Höhentraining, sic!), die Afrikaner sind naiv und daher sympathisch, am Ende aber nicht erfolgreich, die Schweizer kriegen was sie verdienen, also das Gewohnte (und ehrenvolle Niederlagen), und die Brasilianer tanzen Samba bis zur kollektiven Trauer oder Glückseligkeit, und wir freuen uns mit oder weinen dann auch, aber beides ein bisschen weniger heftig.


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Ich spiele, wie ich bin



Stürmer, die blitzschnell zuschlagen, werden auch Phantom genannt. Thierry Henry, der Stürmer von Arsenal London ist nicht so. Er braucht Raum, und kriegt er ihn, so ist er mit dem Ball am Fuss sehr viel schneller als die meisten Gegenspieler ohne störendes Spielgerät. Er kreiert seine Tore. Thierry Henry schiesst meist flach und mit dem Innenrist, und trifft er, so ist sein Torjubel meist verhalten. Ich habe das auch schon arrogant genannt. Heute lese ich in der Zeitung, was er geantwortet hat, als ihn jemand mit Ronaldinho verglichen hat, dem spielfreudigen Lausbub und Meisterjongleur des FC Barcelona, der immer ein Lächeln im Gesicht spazieren führt, mit leuchtenden Augen. Thierry Henry aber hat meist einen Schatten auf dem Gesicht. Er soll gesagt haben:
"Es stimmt. Ich lächle nie. Ich bin so erzogen worden. Wenn ich als Bub nach Hause gekommen bin, und meinem Vater freudig gesagt habe: "Vater, ich habe ein Tor geschossen", dann hat er geantwortet: "Ja, aber du hast nicht gut gespielt."

So ist jedes Tor der Versuch, sich frei zu schiessen - so erfolglos wie eh in allem Siegestaumel...

Die Geschichten, die über so genannte Fussballstars erzählt oder vielleicht auch kolportiert werden, mögen immer eine subjektive Farbe haben. Aber manchmal erklären sie auch, was man auf dem Fussballfeld sehen kann. Wie heute abend, wenn Ronaldinho und Henry Fussball spielen. Gegen einander, sehr gut aber ganz unterschiedlich. So eben, wie sie es können. Aus sich heraus.

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Thinkabout am 17.5.06 19:24

 


14.5.06 14:03

Ein Endspiel, aber wirklich


Es ist Samstag, der 13. Mai 2006, kurz nach halb acht Uhr abends. Im allerletzten Spiel der Schweizer Fussballmeisterschaft beginnt die Nachspielzeit. Es steht 1:1. Der FC Basel steht kurz vor seinem dritten Meistertitel in Folge.

Der Vorzeigeclub der Schweiz, der einzige mit internationaler Strahlkraft und dem doppelt so hohen Budget wie jede Konkurrenz, aber auch mit der doppelten Anzahl Zuschauer pro Heimspiel, hat vor eben diesen Zuschauern seit 59 Spielen nicht mehr verloren. Er hat geschwächelt in den letzten Runden, und so ist der FCZ, seinerseits mit dreiundzwanzig Spielen in Folge ohne Niederlage, nochmals heran gekommen, hat zwölf Punkte Rückstand fast aufgeholt. Aber Zürich müsste gewinnen.
Die Spieler können nicht mehr. Im ständigen Regen haben sie neunzig Minuten um jeden Quadratzentimeter Terraingewinn gefightet und gekämpft. Dabei wurde hart, aber ohne Mätzchen gespielt. Die Spieler wissen um die Brisanz und die aufgeheizte Atmosphäre und bemühen sich um Fairplay. Jetzt sind sie, am Ende einer langen Saison, platt.

Ein letzter Ball wird nach vorne geschlagen, zu kurz abgewehrt. Einwurf, erneut hoch nach vorne. Der Zürcher Florian Stahel, einer der ganz Jungen, schlägt den Ball mit einer Körperdrehung blind und scharf zur Mitte. Dort wirft sich Iulian Filipescu, ein Rumäne mit 1m95 Körperhöhe und mehr als zehn Jahren Profifussball auf dem Buckel, nach vorn und kommt vor den Basler Beinen an den Ball. Tor. Kollektive Ungläubigkeit. Absolute Raserei. Glücksgefühle allenthalben. Aber nur in weiss. Ganz rot-blau ist konsterniert. Ebenfalls Leere, aber ganz anderer Art. Das Spiel ist aus. Es wird gar nicht mehr angepfiffen. Die letzte Ballberührung hat eine ganze Meisterschaft entschieden, es ist das erste Meisterschaftstor des rumänischen Bärs überhaupt.

Aber die Zürcher können nicht feiern. Sie rennen schon wieder. Aber nun nicht mehr, um den jubelnden Filipescu einzuholen, sondern um sich in Sicherheit zu bringen. Ein Mob von mehreren hundert Pesonen stürmt aus der Basler Fankurve auf den Rasen und macht Jagd auf die Zürcher Spieler. Ein Cordon von behelmten Polizisten ist aufgestellt, aber erst nur in der winzigen Zürcher Fan-Ecke, wohin sich ein Teil der Spieler flüchten kann. Andere gelangen in die Katakomben des Stadions, weit weg von den Garderoben. Weitere Polizisten marschieren auf. Gewehre im Stadion. Und dann beginnt es zu krachen. Es wird Gummischrot eingesetzt. Vor laufenden Kameras tobt eine Schlacht. Der Regisseur weiss gar nicht, welche Bilder er zeigen soll: Die vermummten Chaoten, die weniger Hirn haben als die Steine, die sie werfen, die jubelnden Zürcher Fans, die Spieler, die zwischen Sicherheitskräften Interviews geben sollen (!) oder jene Spieler, die von ihren Kameraden abgeschnitten im Stadionbauch hocken und nicht wissen, wann und wo der Pokal übergeben werden soll - und ob sie überhaupt dabei sein können.

Die beiden Präsidenten der Clubs, vor dem Spiel in schöner kameradschaftlicher Gestik vereint, sind lange nicht zu sehen. Gigi Oehri, die Präsidentin des FCB, gibt ihrem Trainer nach Spielschluss kurz die Hand, dann ward sie nicht mehr gesehen. Und Sven Hotz, der langjährige Präsident und Gentleman, der nach 25 Jahren endlich eine Meisterschaft feiern könnte, wird spät und fast verschämt über Sitzreihen hinweg nach oben geleitet, wo hoch oben im gesicherten 2. Rang vor leeren Rängen schliesslich ein Kübel übergeben wird, der für die meisten in diesem Moment eher ein lächerlicher Versuch einer Glorie ist, die nur noch eine Farce darstellt. Die Spieler feiern dennoch. Die Mannschaft ist jung, sehr jung. Das ist vielleicht ein Glück. Ihnen ist in diesem Moment alles egal. "Wir haben gewonnen, das zählt", ist der Tenor.

Der Schweizer Sport hat ein Problem. Ein grosses Problem. Und es ist in unserem Land noch sehr viel ernster als anderswo. Und wir Zürcher haben langsam aber sicher das Gefühl, besonderer Angriffspunkt zu sein. Es ist noch nicht lange her, da geschah Gleiches an anderer Stelle in einem anderen Sport. Die Zürcher Eishockeyspieler wurden in Lugano Meister und mussten auch da vor den "Zuschauern" flüchten.

Vielleicht ist es ja diesmal so peinlich, dass endlich etwas geschieht: Dass nicht einfach nach Basel oder Lugano gezeigt wird. Auch der FC Zürich hat einen gewaltbereiten Chaotenkern. Ausschreitungen gibt es auch in Schaffhausen und anderswo. Wahrscheinlich passiert erst dann etwas, wenn die anderen Zuschauer ganz weg bleiben. Gestern wurde vielleicht dafür eine Basis gelegt: Stunden nach dem Schlusspfiff trieb die Polizei eine Menschenmenge zurück ins Stadion - denn vor dem Gebäude war es weiter gegangen. Tausende konnten nicht nach Hause, hatten brennende Augen vom Tränengas, die Gäste des stadioneigenen Restaurants mussten den Saal räumen. In den Gängen lagen Verletzte, viele mussten sich übergeben, auch vor dem Stadion, wo viele Eltern mit ihren Kindern nicht nach Hause konnten, bis sie endlich wenigstens im strömenden Regen losmarschieren konnten - der Trambetrieb musste eh eingestellt werden...

Solche Erscheinungen sind nie einfach das Problem der anderen. Jede Gesellschaft bestimmt selbst, was sie toleriert. Und sie kann reagieren. Aber sie muss es auch wollen und sich ganz klar zu Werten bekennen. Wenn gegen ein Vermummungsverbot mit der Freiheit des Einzelnen argumentiert wird, dann ist das einfach lächerlich. Was muss sich ein Matchbesucher mit Kapuzenjacke und Sonnenbrille ausüsten? Runter damit oder draussen bleiben. Es beginnt bei so ganz einfachen Dingen - und bei der gesellschaftlichen Ächtung dieser Auswüchse. Man kann einfach wegbleiben, natürlich. Aber das ist nicht wirklich eine Lösung. Damit gibt man einfach etwas preis, fügt sich. Eine stille Kapitulation. Wir haben, was wir verdienen. Weil wir nicht hingehen, dazwischen gehen, dahin, wo es weh tut. Weil wir Regeln nicht durchsetzen, weil wir das Gefühl für klare Linien verloren haben, immer im Hinterkopf, dass wir im Grunde selbst auch machen können wollen, zu was uns auch immer der Sinn steht. So bekommt man unweigerlich eins auf den Deckel. Und zwar so, dass es richtig kracht.


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Bericht z.B. hier
Bilder: Keystone


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12.4.06

Eine Lanze für Olli


Sport fasziniert mich nicht nur als Zuschauer und Supporter, sondern auch als Abbild gesellschaftlicher Mechanismen. Zudem liefert so manche Sportlerbiographie wunderbare Beispiele dafür, wie ein einmal gegründetes Image über fast alles hinweg helfen kann (Beckenbauer), während andere noch so strampeln mögen, ohne dass es ihnen gelänge, das einmal gezeichnete Bild zu korrigieren. Nun gibt es ein Beispiel, anhand dessen es interessant sein wird, genau das zu verfolgen:

Oliver Kahn hat also erklärt, dass er auch als Nr. 2 zur WM fahren und sich als Torwart-Titan auf die Bank setzen will.
Sinngemäss sagte er: Ein für ganz Deutschland und dessen Befinden in wirtschaftlicher und emotionaler Hinsicht bedeutsames Ereignis steht vor der Tür, dem jede persönliche Befindlichkeit unterzuordnen wäre. Er macht deutlich: Ich will an diesem Ereignis dabei sein, und sei es auch in einer Nebenrolle. Sein Auftritt vor der Presse war beeindruckend. WAS er sagte, ist genau das, was Sache ist. Aber alle Welt zerreisst sich das Maul darüber, wie gescheit dieser Schachzug wäre, um ein Image zu korrigieren. Andere warten nur auf ein Aufflammen der alten Rivalität mit Lehmann und die Dritten hören nicht auf, den ganzen Konkurrenzkampf zwischen den Torhütern als falsch und unfair zu bezeichnen und Klinsmann dafür zu kritisieren. Es sind die gleichen Journalisten und Anhänger, die bei den jüngsten Fehlern Kahns mit Suffisanz die Frage nach dem vielleicht besseren Lehmann gestellt hätten, auch wenn Kahn als Nummer 1 gegolten hätte und nie in Frage gestellt worden wäre. Dann wäre genau das für diese Herren falsch gewesen. Diejenigen, die Kahn die Unterdrückung persönlicher Eitelkeiten nicht zutrauen, sind diejenigen, die ihn beim ersten Anzeichen seines überbordenden Ehrgeizes kritisieren würden. Niemand will sein Bild korrigieren und alle kochen ihr Süppchen. Und so wird im ganzen Land diskutiert und weiter ein Anlass zerredet, der ein Fest werden sollte, an dem wir uns vor allem an einem erfreuen können sollten: Die Welt feiert ein Fest bei Freunden.

Hoffen wir es doch zumindest und tun wir was dafür. Auch als Gast. Und denken wir daran: Einem Fest eigen ist, dass man dem Anlass diejenige Wichtigkeit beimisst, die es uns erlaubt, während dieser Party den üblichen Alltag von uns abfallen zu lassen. Und mehr soll daraus gar nicht werden müssen. Just fun - und das Gefühl, rundum als Deutsche, Schweizer oder Brasilianer so hin zu stehen, dass andere gerne hinsehen und hinhören. So, wie ich voller Hochachtung und - ich gebe es zu - mit nicht wenig Überraschung Olli Kahn zugehört habe.

Die Satiriker, oder vielmehr die Zyniker werden sagen, wie leicht ich den schönen Worten vertrauen schenken möge. Leute, es ist doch ganz einfach. Kahn hat mit seiner Presseerklärung die Messlatte angesetzt. Daran kann er nun gemessen werden. Und so lange er dabei besteht, so lange ziehe ich den Hut vor ihm. Immer wieder neu. Es ist doch ganz einfach. Und jetzt lasst uns auf die WM hinfiebern und endlich das Gefühl für das Fest entwickeln, sapperlott.

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8.3.06

Klinsi vor dem (R)Ausschuss?




Fussball ist ein Spiel, bei dem 22 Männer in kurzen Hosen hinter einem Ball her rennen und dabei vergessen, wie (un)wichtig das eigentlich ist. Ich bin nun weit davon entfernt, dieses Phänomen an sich und die dabei ausgeschütteten Glückshormone zu verlachen oder unbedeutend zu finden. Ich bin ja selbst fussballverrückt. Und die Männer und zunehmend auch Frauen wären unglücklicher ohne dieses Spiel. Schon deshalb sind sie in ihrem Tun durchaus ernst zu nehmen oder zumindest am Leben zu lassen, ganz egal, wie gut sie dabei den Ball treffen oder wie viele Chips sie vor dem Glotzomaten zerbröseln.

Aber wirklich lächerlich sind Politiker, die einem Sportausschuss angehören und allen Ernstes erwägen, den Bundestrainer vor diese Kommission zu zitieren. Nicht etwa, um sich die Taktik erklären zu lassen und die Abseits-Falle, nein, sondern die Strategie, wie Deutschland Weltmeister werden soll und kann nach einem 1:4 gegen Italien. Müsste Ballack nicht offensiver spielen?
Die nationale Balance ist in Gefahr und der Aufschwung sowieso. Statt dass sich die Herren in zu engen Hemden und zu glatten Anzügen auf Fragen nach Infrastruktur, Organisation und wirtschaftlichem und politischem Sukkurs der Veranstaltung WM 2006 konzentrieren würden, setzen sie sich quasi in Vertretung ihrer Wähler an den Stammtisch und wollen mahnend daselbst den Klinsi in Klausur nehmen und überprüfen, ob mit der darzulegenden und zu begründenden Vorbereitung d

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